Arbeitsbeginn an diesem Text: 14.11.2008

Innenansichten eines Hartz-4 Empfängers

(Eine fiktive Geschichte aus der Gedanken-und Gefühlswelt eines Langzeitarbeitslosen)



Donnerstag morgen, 11 Uhr dreißig: Udo S., 42 Jahre alt, ledig, seit 15 Jahren arbeitsuchend öffnetewie jeden Morgen besorgt seinen Briefkasten. Die Arbeitsagentur hatte sich schon einige Zeit nicht mehr gemeldet und bangen Herzens fragte er sich, wie jeden Tag um diese Zeit, ob vielleicht heute mal wieder eine Einladung der Arge ins Haus geflattert war und tatsächlich: Zwischen den zahlreichen Werbeblättchen, die sich auch heute in seinem Postkasten angesammelt hatten, verstechte sich ein amtlich aussehender Brief , sofort erkennbar an den typischen Umweltbriefumschlägen der Stadt. Absender: Arge Neuss. Udo nahm den Brief an sich und begab sich unverzüglich in seine Wohnung. Sein Herz klopfte und er musste sich erst eine Zigarette anzünden. Wilde Gedanken gingen ihm dabei durch denKopf und er hielt die vielen angsterfüllten Fragen, die er sich beim Anblick des Briefes stellt, kaum aus. Wollte man ihm vielleicht den Mietzuschuß kürzen, weil seine Wohnung 10 Quadratmeter zu viel hatte? Wollteman vielleicht kontrollieren, ob er auch wirklich genug Eigeninitiative bei der Stellensuche entwickelt hatte? Oder hatte man vielleicht eine Arbeit gefunden für ihn? Mit einem Gefühl, das zwischen Angst und Hoffnung schwankte, riß er den Brief auf und mit zitternder Hand überflog er das Schreiben. Es war, wie schon vermutet, eine Einladung der Arge für Montag. Mitzubringen war der Personalausweis und der Nachweis über seine Bemühungen bei der Stellensuche in den letzten drei Monaten.

Udo wurde schlecht, bei dem Gedanken, am Montag bei der Arge Neuss vorsprechen zu müssen, wusste er doch ganz genau, das er die Erwartung der Agentur nach zwanzig Bewerbungen in drei Monaten nicht würdeerfüllen können. Ganze fünf Bewerbungen konnte er nachweisen im letzten Vierteljahr, mehr hatten die Stellenangebote der regionalen Tageszeitung nicht hergegeben.Verzweifelt steckte er sich eine Zigarette nach der anderen an. Würde es am Montag wegen fehlender Bewerbungen zu einer Leistungskürzung kommen? Sicher, er hatte im kostenlosen Stadtblättchen schon einige Jobangebote gesehen, die ihm ein hohes Gehalt , und sogar eine fette Provision versprachen. Dabei handelte es sich allerdings um Jobs, die im allgemeinen Sprachgebrauch call-center agent hießen und damit hatte er schon zweimal keine guten Erfahrungen gemacht.Das ersteMal, als er sich als call-center agent versucht hatte, wurde ihm von der Firma aufgetragen, Leute aus dem Telefonbuch rauszusuchen, sie anzurufen und ihnen eine Riesenrendite zu versprechen, wenn sie ihr Vermögen möglichst bald in Kaffee oder Weizen anlegen. Damit war Udo aber nicht nur nicht erfolgreich, ihn plagte auch dasGewissen, ahnungslosen , reichen Rentnern das Blaue vom Himmel zu versprechen .Er hatte bei der ganzen Geschichte nur die Aufgabe, den Standardtext für solche Versprechungen so am Telefon vorzulesen, das am anderen Ende der Leitung der Eindruck entstehen sollte, das dieses Angebot eine einmalige , sobald nicht wiederkehrende Chance war und dem Angerufenen sollte Glauben gemacht werden, das er einer der wenigen Auserwählten war, mit denen dieses scheinbar exklusive Geschäft abgewickelt werden sollte. Udo hatte den Job eine ganze Woche durchgehalten, jeden Tag hatteer acht Stunden telefoniert, immer wieder denselben Text zum Besten gegeben und genau so lange hatte er sich wütende oder unfreundliche Worte der Angerufenen anhören müssen, was er aber durchaus verstehen konnte, denn wer will schon ungebeten mit solch dubiosen „Geschäftsideen“ belästigt werden.Trotz allen Verständnisses kränkte ihn der Tonfall vieler von ihm Angerufenen und weil er nicht ein einziges Erfolgserlebnis hatte und er ausserdem im Zweifel darüber war, ob das was er machte, überhaupt ganz legal war, gab er , wie schon erwähnt, nach einer Woche auf.Und auch die zweite Erfahrung im Telefonbuisness war nicht besser, diesmal sollten Spendenabos zugunsten mißhandelter Kinder für lukrative Geschäfte sorgen, diesmal allerdings war die ganze Sache ohne festes Gehalt abgemacht, sondern ganz auf Provisionsbasis, diese allerdings war pro abgeschlossenen Vertrag über ein Abo sehr hoch, so das sich Udo fragte, wie wenig denn eigentlich noch fürdie mißhandelten Kinder übrigbleiben sollte, schließlich wollte nicht nur er Geld verdienen, sondern auch noch sein Chef und Telefongebühren und die Miete für das feine Büro in guter Lage mussten auch bezahlt werden. Schließlich ging es ihm wie beim ersten Mal in dem Gewerbe, er gab sich nach einigen Tagen geschlagen und beendete entnervt sein Beschäftigungsverhältnis.

All diese Gedanken beschäftigten Udo bis zum späten Abend und als er sich schließlich schlafen legte, hatte er, ohne es zu merken, fast ein ganzes Päckchen Tabak konsumiert, viel zu viel für einen, der ohnehin schon Tag und Nacht husten musste und dessen Schlaf sogar nachts immer wieder von nichtendenwollenden Hustenattacken begleitet wurde und so wachte er am nächsten Morgen wie üblich in aller Herrgottsfrühe zerschlagen und übermüdet auf.Das ganze Wochenende kreisten seine Gedanken um den kommenden Argetermin und je näher der Termin rückte, desto ängstlicher wurde er, vor seinem geistigen Auge spielten sich dramatische Szenen ab , aber ganz schlimm wurde es dann in der Nacht von Sonntag auf Montag. Er lag die ganze Nacht wach und grübelte hin und her, wie er der Sachbearbeiterin die fehlenden Bewerbungen erklären sollte. Wie sollte er der Agentur beweisen, das er nicht für eines der zahlreichen Stellenangebote als call-center agent oder als Spendenwerber für die Johanniter Unfallhilfe geeignet war.Mit einem schrecklichen Gefühl in der Magengegend stand er schließlich auf ,rauchte, duschte, zog sich an und rauchte wieder. Es war 7Uhr dreißig, sein Termin bei der Arge war um 9Uhr fünfzehn. Wenn er den Bus um 8Uhr dreißig nahm, war er um 9 Uhr an der Marienstraße. Noch eine Stunde Schonfrist, ehe er aufbrechen musste.

8 Uhr 27. Udo stand seit drei Minuten wartend an der Bushaltestelle. Nervös lief er auf und ab, umkreiste das Wartehäuschen in kleinen Schritten, immer wieder, die wenigen Minuten bis zur Ankunft des Busses kamen ihm endlos vor. Dann endlich fuhr der Bus an. Udo zog noch einmal hastig an seiner halb aufgerauchten Zigarette, warf sie dann achtlos zu Boden kramte seine Geldbörse hervor , stieg ein und verlangte ein Viererticket.

Macht acht Euro dreißig,“sagte der Fahrer. Udo wurde blass. Damit hatte er nicht gerechnet, die Fahrpreise waren erhöht worden. Letzten Monat kostete das Ticket noch acht Euro zwanzig. Und nur genau so viel Geld hatte er in seinem Portmonee, 8 Euro zwanzig, nicht einen Cent mehr und nicht einen Cent weniger, denn seit er in der Stadt einmal um sein ganzes Wochenbudget bestohlen worden war, trug er , wenn er dort Erledigungen wie Ämterbesuche machen musste, nur noch abgezähltes Geld mit sich herum.

Entschuldigen Sie bitte“,sagte er zum Fahrer. „Ich war im Gedanken. Ich wollte eigentlich nur ein Ticket mit Rückfahrschein.“ Der Fahrer schnaubte. „Jetzt hab`ich schon das Viererticket verbucht. Haben Sie gut geschlafen, kann ich da nur sagen.“ Wütend legte der Busfahrer das Ticket auf die Ablage. „Vier Euro 1o.“ Udo bezahlte mit seinem Fünf-Euro Schein. Gut, das er den noch hatte und den Fahrpreis nicht mit lauter Münzen bezahlen musste, mit einem Schein machte man doch einen viel besseren Eindruck und niemand würde auf die Idee kommen, das sein Geld für ein Viererticket nicht langte, da war sich Udo sicher. Scheinbar achtlos steckte Udo das Restgeld in seine Hosentasche, entwertete den Fahrschein und setzte sich auf einen der freien Plätze ans Fenster.

Udo lehnte seinen Kopf an die Fensterscheibe und schaute gedankenverloren hinaus. Sein Blick streifte die vielen Reklametafeln, an denen der Bus nun in schnellem Tempo vorbeizog.“Fliegen Sie mit uns in den sonnigen Süden! Traumziele in der Karibik, jetzt schon ab sensationellen 2480 Euro! Buchen Sie jetzt, stand dort in dicken Lettern und darunter waren wohlgeformte und knackig braungebrannte Bikinischönheiten abgebildet.2480 Euro. Udo rechnete. Das war die Leistung der Arbeitsagentur für mehr als drei Monate, inklusiv Miete für seine kleine Zweizimmerwohnung . Wer hatte soviel Geld? Udo jedenfalls kannte niemanden persönlich, nur hin und wieder begegneten ihm in der Nachbarschaft oder beim Einkaufen Menschen, deren teuer aussehende Kleidung ihn vermuten ließ, daß sie zu den betuchteren Klasse der Gesellschaft zählten. Aber er wusste auch, das es sich anhand dieses Indizes nur um eine Spekulation seinerseits handeln konnte. Konnte man nicht heutzutage erstklassige Kleidung zu Spottpreisen bei ebay ersteigern? Handfester wurden seiner Meinung nach die Beweise für viel Geld, wenn er einem vermeintlich Reichen beim Einkaufen in den Einkaufswagen schielte. Manche Leute schienen tatsächlich das Geld für Originalmarken auszugeben, egal ob Nussnougatcreme, Waschpulver oder gar Zigaretten. Und dann bezahlten sie an der Kasse ohne mit der Wimper zu zucken, ihre hohe Rechnung ganz selbstverständlich mit einer Kreditkarte. Udo seufzte: Einmal bei Plus einkaufen, ohne rechnen zu müssen,das würde wohl auf unabsehbare Zeit ein unerfüllter Wunschtraum bleiben. Udo genoss die Wärme der Heizung am Fenster und wünschte sich, die Zeit bliebe stehen und der Bus würde sein Ziel nie erreichen, aber es waren jetzt nur noch zwei Stationen , bis zur Marienstrasse. Gnadenlos schnell steuerte der Bus Udos Ziel an und Udo sprang schlielich auf . Mit zugeschnürter Kehle stieg er aus und zündete sich noch eine selbstgestopfte Zigarette an. Jetzt waren es nur noch wenige Fußminuten bis zur Arge und obwohl Udo , um den Termin hinauszuzögern , am liebsten in Zeitlupe gelaufen wäre, zwang ihn seine Uhr zum zügigen Gehen.Schließlich war es Punkt 9 Uhr, als Udo S. Vor der Agentur für Arbeit in Neuss stand. Leute kamen und gingen und endlich, als er den letzten Zug von seiner Kippe genommen hatte, betrat auch Udo das Gebäude.

Udo nahm den Aufzug in die zweite Etage und stieg aus. Es hatte sich bereits eine lange Schlange vor der Anmeldung gebildet und er rechnete mit mindestens zehn Minuten Wartezeit. Nur hier, bei der Agentur für Arbeit stand er wirklich gerne am hintersten Ende einer Schlange, gewährte ihm die Wartezeit dort doch wenigstens ein paar Minuten länger Aufschub vor der von ihm stets als quälend empfundenen Vorsprache im Büro der Sachbearbeiterin.Ja, Frau B . war eine scharfe Wächterin über die neuen Hartz 4 Gesetze , ihren Adleraugen schien nichts zu entgehen und immer wieder nach einem Besuch bei ihr hatte er das Gefühl, dieses Mal ausnahmsweise gnädig davongekommen zu sein. Andere hatten da nicht soviel Glück, er erinnerte sich an das letzte Mal. Vor ihm war ein türkischer Landsmann aufgerufen worden und als nach endlosen Minuten die Tür geöffnet wurde und ein anderer Sachbearbeiter, der mit Frau B. das Büro teilte geschäftig den Raum verließ und dabei die Tür offenstehen ließ, hörte er die scharfe Stimme von Frau B . wie sie kalt und ohne Umstände dem Mann erklärte, das ihrer Meinung nach sein Wille zur Aufnahme eines Beschäftigungsverhältnisses vollständig fehlte, das sei ihres Erachtens nach aus den mangelhaften Bewerbungsanschreiben an verschiedene Arbeitgeber deutlich zu erkennen. Sie wolle dafür Sorge tragen, daß die Leistungsabteilung davon erführe und ihm die Leistungen für drei Monate um dreißig Prozent kürze.

Worte wie Peitschenhiebe. Udo wurde wieder schlecht, wenn er daran dachte. Würde es ihm heute genauso ergehen?. Die Warteschlange hatte sich jetzt fast aufgelöst, es waren nur noch drei Leute vor ihm dran. Udo verspürte jetzt den gierigen Drang nach einer Zigarette, aber hier drin war das Rauchen verboten. Hoffentlich hatte er alles bald hinter sich gebracht. Zwei Minuten später stand er am Tresen der Anmeldung, zückte seinen Personalausweis ujnd ließ sich als anwesend registrieren. „Zimmer 110.“sagte die Frau am Empfang,“Sie werden aufgerufen.“ Es war genau viertel nach neun. Udo setzte sich auf einen der Stühle vor der Zimmernummer 110. Ausser ihm saßen noch eine junge Frau mit Kinderwagen und ein Jugendlicher mit einem MP-3 Player dort. „Ist da noch jemand drin?“fragte er die junge Frau, um abzuchecken, wie lange es noch dauern könnte. „Ja, da ist jemand drin, und zwar schon ziemlich lange,“antwortete die Frau. Udos Anspannung wuchs, er hatte jetzt ganz dringend den Wunsch , die Sache so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Die Zeit zog sich endlos hin, dann nach fast zehn Minuten Ewigkeit wurde es laut hinter der Zimmernummer 110, dann öffnete sich die Tür und heraus trat ein Ehepaar fremder Nationalität, die Frau war vollkommen verschleiert und der Mann wirkte mit wilden Gesten lautstark auf sie ein. Udo sah den beiden , die doch sehr erleichtert schienen, nach , wie sie den Gang verließen, Ein bulliger Mann mit kurzgeschorenen Haaren kam den zweien entgegen und er steuerte, langsam und mit wachen Augen alles beobachtend , auf den Gang mit der Zimmernummer 110 zu, Der Blick des Bulligen schien die Personen, die sich auf dem Gang aufhielten , nur nebensächlich zu streifen, aber die Aufschrift, die der Mann auf dem Rücken seines T-Shirts trug, verriet den Anwesenden, das sie keineswegs nur eine Nebensache für ihn waren, sondern das er alle sehr wohl im Blick hatte und das er mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln dafür Sorge tragen würde, das Ruhe und Ordnung herrscht auf den Gängen dieser staatlichen Behörde.“Security“, las Udo S. , als der Mann an ihm vorüberging.

Endlich , nach weiteren 5 Minuten steckte Frau B.ihren Kopf aus der Tür:“Herr S.“, forderte sie Udo kurz und knapp auf. Schnell erhob sich Udo und folgte Frau B. Klopfenden Herzens in das Büro. „Lieber Gott,“dachte er,“lass alles gut ablaufen. Gleichzeitig aber beschloß er, sich darauf einzustellen, das heute nicht alles gut ablief und die Ahnung, die er am Wochenende hinsichtlich des Verlaufs seines Besuches bei der Arge gehabt hatte, trog ihn diesmal nicht. „Nehmen Sie Platz,“ sagte sie , während sie sich geschäftig dem Computer widmete um seine Daten abzurufen. Udo setzte sich Frau B. Gegenüber vor den großen Schreibtisch. Nur einen kurzen Moment brauchte Frau B, dann forderte sie ihn auf, ihr seine Bewerbungen vorzulegen. Udo`s Hand zitterte, als er Frau B. seine fünf Bewerbungen vorlegte und es herrschte eine für Udo fast unerträgliche Spannung, als sie schweigend und mit kritischem Blick in Udo`s akkurat geschriebenen Bewerbungsnachweisen blätterte. Langsam und aufmerksam studierte sie jede einzelne Adresse der von Udo angeschriebenen Firmen. Nicht ein Wort des Unmuts kam über ihre Lippen und Udo wollte sich gerade der Hoffnung hingeben, das seine ganzen Befürchtungen umsonst gewesen waren, als sie die unertägliche Stille unterbrach:“Und wo sind die anderen Bewerbungen?“ Udo bekam plötzlich beklemmende Angstzustände und er brachte nur noch tonlos hervor:“Das ist alles, was ich gefunden habe.“ Jetzt hatte sie ihn. Stand jetzt seine gesamte Existenz auf dem Spiel? Udo sah sich obdachlos und nach Pfandflaschen suchend auf der Strasse lebend und er hörte nur noch mit halbem Ohr hin, als Frau B. mit erhobener Stimme zu dem ansetzte, was er immer gefürchtet hatte : Eine nicht enden wollende Tirade darüber, das der Steuerzahler seit langer Zeit für seinen Unterhalt aufkäme und er die Pflicht habe, seinen Zustand mit aller Kraft zu beenden. Die Zeitungen seien voll mit Stellenanzeigen hörte er sie sagen und die Behörde sei nicht gewillt Untätigkeit zu unterstützen. Udo ließ die Worte über sich ergehen und er fühlte sich, wie er sich zuletzt als Schüler gefühlt hatte, als er dem Lehrer seine nichtgemachten Hausaufgaben damit erklären wollte, das er sein Heft vergessen habe . Nicht, das er die Hausaufgaben nicht hätte machen wollen, aber er hatte die Aufgaben nicht begriffen und nachzufragen hatte er sich im Unterricht nicht getraut, denn der Lehrer war streng und manchmal setzte es sogar Hiebe. Der Lehrer aber hatte ihm schließlich den gesamten Inhalt seiner Schultasche auf den Tisch gekippt und ihm befohlen das Heft zu suchen. Selbstverständlich hatte er als Schüler das Heft zuhause liegenlassen und eswar eine furchtbare seelische Tortour für ihn, während der gesamten Unterrichtsstunde nach etwas zu wühlen, von dem er genau wusste, das es nicht da war. Sagen durfte er aber nichts, denn das hätte schlimmstenfalls Schläge für ihn bedeutet. Und so sagte er auch nichts zu dem Verbalangriff von Frau B und wie damals, als er hoffte, das die Schulstunde bald vorbei sein möge, wartete er sehnsüchtig darauf, endlich von Frau B. verabschiedet zu werden. „Sie hören von uns!“, sagte sie endlich die erlösenden Worte und Udo S. erhob sich schließlich von seinem Stuhl und verließ mit hochrotem Kopf den Raum.

Security“. Kaum hatte Udo seinen Fuß aus der Tür gesetzt, begegnete ihm wieder der Bullige von vorhin. Aufreizend langsam schlenderte der Ordnungshüter ihm einige Schritte voraus in Richtung Ausgang. Udo passte sich dem langsamen Tempo des Mannes an und blieb , um ihn nicht überholen zu müssen,dicht hinter ihm.

Für solche Leute wie ihn waren die Wachen im Amt bestimmt nicht engagiert, dachte er. Da gab es ganz andere Kaliber und obwohl er persönlich noch nie so einem begegnet war, wusste er das es bestimmt eine ganze Reihe Typen gab, die richtiggehend agressiv wurden, wenn Angestellte wie Frau B.ihnen so unverblümt daherkamen, wie sie es bei ihm getan hatte. Das sie da eines besonderen Schutzes bedarf, war aus seiner Sicht nur allzu verständlich.

Udo atmete tief ein. Einmal, so wünschte er sich, wie wäre das schön, wenn Sachbearbeiter wie Frau B auch nur einmal soviel Respekt vor ihm hätten, wie vor den Agressiven.Genüsslich malte er sich aus, wie die Vorsprache wohl verlaufen wäre, wenn er mit der Faust auf den Tisch gehauen hätte und ihr ganz unverhohlen seine Meinung gesagt hätte. Wäre sie dann auf ihrem Stuhl zusammengesunken und hätte sich am liebsten unsichtbar gemacht.? Dann wäre es ihr einmal so gegangen wie ihm und bildlich stellte er sich jetzt vor, wie er ihr schlagfertig und wortgewandt Paroli geboten hätte und sie dann völlig hilflos und mit ihm überfordert zurückgelassen hätte. Diese Vorstellung bereitete ihm nun den Gipfel des Genusses und er wollte sich gar nicht trennen vom inneren Bild der unglücklichen Frau B. Udo gab sich einen Ruck. Nein, er war es nicht. Er war weder schlagfertig noch wortgewandt und auch nicht zu der geringsten Agression fähig. Er war in der Realität zurück. Gesenkten Kopfes verließ er die Arge und lief Richtung Bahnhof.

Eine Woche später: Udo hatte sich gerade ein neues billiges Päckchen Tabak gekauft, als er vor der Eingangstür des grossen Mietshauses, in dem er wohnte , den Briefträger hantieren sah, der den Bewohnern wie immer routiniert die Post einwarf. Ob heute Post von der Arge dabei war? Udo betrat das Haus und wartete . Wartete darauf , das das Klappern der Briefkästen ein Ende hatte und der Briefträger seine Arbeit getan hatte. Dann öffnete er seinen Kasten. Zwei Briefe waren heute dabei. Der eine war, wie befürchtet, von der Arge, der andere von den Stadtwerken.

In seiner Wohnung angekommen, riß Udo den Umschlag mit dem Argebrief auf. Er schluckte. Die Leistungsabteilung hatte ihn, wie schon erwartet, mit Sanktionen belegt. Dreißig Prozent seiner Bezüge sollten ihm für drei Monate gestrichen werden. Weil er seiner Mitwirkungspflicht nicht nachgekommen war, hieß es und ausserdem wurde ihm schließlich mit weiteren Kürzungen gedroht, sollte er weiterhin nicht alles tun, seine Arbeitslosigkeit zu beenden. Udo setzte sich in seine kleine Küche und stopfte sich eine Zigarette. Dreißig Prozent von 347 Euro. Das waren, 104 Euro. 347Euro weniger 104 Euro, das machten noch 243 Euro. Davon musste er abziehen:30 Euro für seine Internet und Telefonflatrate und 90 Euro für Strom und Gas. Das machte dann:123 Euro monatlich für Essen, Trinken ,Kleidung , Tabak und Sonstiges. 123 Euro geteilt durch 30 Tage : 4 Euro und genau 10 Cent täglich. Udo rauchte bereits die zweite Zigarette, als ihm einfiel, das im Flur noch der Brief von den Stadtwerken lag. Was wollten die schon wieder? Lieber Gott,dachte er, laß es keine Rechnung sein. Sein Gebet aber wurde nicht erhört. Eine Nachzahlung sollte er leisten von sage und schreibe 100 Euro. Ausserdem waren ab dem nächsten Monat höhere Abschlagszahlungen fällig, jeden Monat sollte er jetzt fast 100 Euro zahlen. Udo war verzweifelt. Wo sollte er das Geld nur hernehmen. Er hatte keinerlei Ersparnisse und er wusste niemanden, der ihm Geld hätte leihen können. Die einzige Idee, die er hatte, war , sein Konto zu überziehen. Ja, das war die Rettung. Er würde das Geld einfach überweisen , auch wenn sein Konto nicht gedeckt war. Das wollte Udo dann sofort in Angriff nehmen und so setzte er sich an seinen Computer und überwies per Internet die Forderungen der Stadtwerke. Alles andere würde sich finden, überlegte er, man sollte ja optimistisch denken.

Zwei Wochen später hatte Udo 40 Bewerbungen geschrieben und in Briefumschläge gesteckt. Die Firmen hatte er sich aus dem Telefonbuch gesucht und je nach Branche hatte er sich mal als Bäcker und Konditor, mal als LKW Fahrer und sogar als Steuerfachgehilfe beworben und das, obwohl er noch niemals einen Kuchen gebacken , auch keinen Führerschein für Lastwagen oder die geringste Ahnung vom deutschen Steuerrecht hatte, aber was sollte er tun, Jobs für Ungelernte wie ihn waren selten ausgeschrieben und die Arge saß ihm im Nacken. Tag für Tag hatte er zwei Bewerbungen losgeschickt, er musste auf das Porto achten, mehr als 1Euro 10 täglich konnte er nicht mehr abzweigen. Für die nächsten 20 Tage hatte er nun wegen des Bewerbungsportosstatt der errechneten 4 Euro 10 nur noch 3 Euro zur Verfügung und bei der Bank hatte er ein überzogenes Konto, von dem er noch nicht wusste, wie er das jemals wieder ausgleichen sollte.So vegetierte Udo S. die nächsten Monate vor sich hin, zum Frühstück gab es täglich geröstete Haferflocken, mittags gebratenen Kohl und Kartoffeln und abends Quark mit Marmelade. Nur manchmal, manchmal hielt er es einfach nicht mehr aus, dann musste es sein: Er kaufte sich eine billige Packung Bratwurst, einmal hatte er sogar ohne Rücksicht auf Verluste 3 Kasslerstielkotletts für 3Euro 13 vom Plus gekauft.

Es war Samstagvormittag, einige Wochen später, als Udo den Anruf bekam. Zeitarbeitsfirma T.war am Telefon, der Chef höchstpersönlich. Man hätte seine Bewerbung erhalten und wolle ihn kennenlernen. Heute noch, sagte der Mann am anderen Ende der Leitung und obwohl Wochenende war und er sich gerne den preisgekrönten Film im Fernsehen angesehen hätte, der schon seit Wochen angekündigt war, verabredete sich Udo für 15 Uhr im Büro der Zeitarbeitsfirma T. Udo stiegen die Tränen in die Augen, denn die Fahrt würde ihn wiederum über 4 Euro kosten. Udo checkte via Internet bei seiner Bank ein und mit großer Besorgnis stellte er fest, das sein Konto bereits seit einigen Wochen um mehrere Hundert Euro überzogen war. Udo`s Rechnung war nicht aufgegangen, er hatte umgerechnet weit mehr als 4 Euro täglich ausgeben müssen Immer kam etwas dazwischen. Mal hatten sich die Sohlen seiner bereits sehr alten Schuhe gelöst, mal ging das Toilettenpapier aus oder das Waschpulverein andermal meldete sich seine Haftpflichtversicherung und wollte Geld sehen. Wie lange würde seine Bank noch mitspielen? Bei dem Gedanken bekam Udo eine Panikattacke und er wagte es nicht ihn zuendezudenken.

Es war 13 Uhr, als sich Udo langsam auf das ihm bevorstehende Bewerbungsgespräch vorbereitete. Schon während er duschte, überlegte er sich , wie er dem Personalchef am besten seine langjährige Arbeitslosigkeit erklären konnte.Wenn er den Job haben wollte, durfte er keineswegs seine physisch und psychisch instabile Gesundheit erwähnen, dachte er. Seine Depressionen zu verschweigen,wäre kein Kunststück, aber was war mit seinem chronischen Husten. Oft genug hatte der Arzt ihn gemahnt, endlich das Rauchen aufzugeben, aber Udo konnte es einfach nicht lassen, zu stark war die Sucht, und bisher hatten ihn weder monatelange Schlafstörungen noch Ohnmachtsanfälle, die ihn eben wegen des ständigen Dauerhustens quälten, von seinem Laster abhalten können. Dieses Mal, so schwor sich Udo, würde sich alles zum Guten wenden. Wenn er den Job hätte, würde ihm sowieso die Zeit fehlen, ununterbrochen zu rauchen, dachte er und vielleicht konnte er ja sogar Anschluß finden bei seinen zukünftigen Kollegen. Während er sich nun frische Wäsche aus dem Schrank holte, malte er sich seinen nächsten Geburtstag aus. Viele Freunde wollte er dann einladen und der Arbeitsplatz wäre der ideale Ort, Menschen kennenzulernen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.Seine jahrelange Armut, seine Einsamkeit im sozialen Abseits –das sollte nun ein schnelles Ende haben! Udo war plötzlich beseelt von einem unerschütterlichen Optimismus. Alles würde sich zum Besten wenden. Seine Zukunft schien ihm mit einem Mal rosarot und er verbat sich jeden aufkommenden Zweifel, zu lange hatte er auf eine Chance wie diese gewartet.

Ein starker Regen hatte den Tag begleitet und Udo war völlig durchnässt , als er das relativ kurze Stück Fußweg von der Bushaltestelle hin zur Zeitarbeitsfirma T. Zurückgelegt hatte. Zwischen mehreren Arztpraxen, einer Immobilienfirma und einem Sonnenstudio war auch Udo´s Firma ausgewiesen, sie befand sich laut Hinweisschild im 3.Stockwerk rechts. Udo zögerte. Eine Viertelstunde hatte er noch Zeit bis zum Vorstellungstermin und so nutzte er die verbliebene Zeit, sich noch eine Zigarette anzustecken, um seine Nervosität zu bekämpfen, wie er sich Glauben machte.

Um Punkt 15 Uhr klingelte Udo.S bei Zeitarbeitsfirma T.und er stand keine halbe Minute vor der Tür, da wurde ihm aufgetan. Ein elegant gekleideter Mann , gut 1.90m grosser Mann hatte ihn mit den Worten:“Sie sind sicher Herr S.“ in Empfang genommen und ehe Udo etwas erwidern konnte, wurde er auch schon in das kleine Personalbüro gebeten. Kaum hatte Udo Platz genommen, wurde ihm von Herrn T.ein Personalbogen vorgelegt. „Den füllen Sie bitte aus,“ wies der Chef an und Udo machte sich sogleich daran, alle Fragen, die auf dem Bogen gestellt waren, nachbestem Wissen zu beantworten. Seinen vollständigen Namen wollte man wissen, Wohnort, Familienstand, Krankenkasse und Geburtsort. Haben Sie ihren Wehrdienst absolviert und:Sind Sie vorbestraft?, hieß es weiter. Rasch hatte Udo seine persönlichen Daten angegeben, aber bald wurden dort Fragen gestellt, die Udo in Konflikte bringen konnten, egal wie er sie beantwortete. Sind Sie gesundheitlich eingeschränkt? Udo wusste genau, das er sehr wohl eingeschränkt war, körperlich und auch psychisch aber sollte er e h r l i c h antworten? Keine seiner Krankheiten war bisher von einem Arzt als Handicap eingestuft worden . Wahrscheinlich war seine persönliche Einschätzung nicht maßgeblich, dachte er und wenn er jetzt mit „Ja“ antwortete und seine Gebrechen zu Protokoll gab, wärewohl nicht nur der Job weg, sondern es könnten ihn auch weitere Sanktionen der Arge treffen, wenn diese davon erführe. „Sie werden mich zum Amtsarzt schicken,“ dachte Udo. „Und die werden mich garantiert für gesund erklären.“ Dann hätte er gelogen Durfte er mit „Nein“antworten, überlegte er. Wenn er nun wieder mal an einer Psychose erkranken würde und die Firma bekäme heraus, das dies nicht das erste Mal war, könnte das wohl unweigerlich eine Kündigung zur Folge haben und ob da die Arge kulanter reagieren und ihm anstandslos Geld ausihrem Leistungstopf zahlen würde, daran hatte er seine Zweifel. Man könnte ihm eine Mitschuld an der Kündigung wegen unwahrer Angaben geben. „Schwamm drüber“, dachte er schließlich,“ich werde es riskieren, mit Nein zu antworten“. Vielleicht waren die zukünftigen Kollegen nett und das Rauchen hatte er ja auch schon etwas eingeschränkt. Sind Sie zur Nachtschicht und Sonntagsarbeit bereit, sind Sie zeitlich flexibel , ungebunden und einsetzbar im gesamten Bundesgebiet, sind sie bereit Überstunden zu leisten und Akkordarbeit? Ja, ja ,ja,ja,ja! Udo musste nicht nur wollen, er wollte auch und das unbedingt und darum schob er alle Bedenken beiseite und schließlich hatte er das lange Formular ausgefüllt und dem Chef herübergereicht.

Herr T.begutachtete den Personalbogen, legte ihn schließlich beiseite und wandte sich nun Udo zu. Herr S.,wir können ihnen Arbeit in einer kleinen Elektronikfirma bieten, es handelt sich dabei um die Bestückung elektronischer Bauteile auf Platinen,“sagte der Mann. „Sind Sie motorisiert?“ „Nein,“ antwortete Udo S., ich bin auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. „Das Problem ist, die Firma liegt im Gewerbegebiet von Grevenbroich . Aber ich denke:Vom Hauptbahnhof Neuss ist die Verbindung nach Grevenbroich ja sehr gut, es fahren alle Nase lang S-Bahnen dorthin. Wenn Sie Interesse haben, machen wir den Arbeitsvertrag gleich fertig und sie können Montag anfangen.“

Udo begann, innerlich zu jubeln.So einfach war das also, man füllte ein Papier aus und schwupp-diwupp hatte man einen Arbeitsplatz.Und die unangenehmen Fragen nach irgendwelchen Arbeitszeugnissen vorheriger Arbeitgeber waren auch ausgeblieben.

Der Chef kramte einen Vertrag aus der Schublade und begann, ihn auszufüllen. „Stundenlohn sind 6,00 Euro brutto, sagte er nebenbei, in den ersten 3 Monaten zahlen wir allerdings nur 5.40 Euro. Ausserdem ziehen wir Ihnen eine Kaution von 30 Euro für Sicherheitsschuhe vom ersten Lohn ab. Die bekommen Sie aber wieder, wenn Sie bei uns aufhören.“

5,40 Euro. Das war verdammt wenig. Im Kopf rechnete er sich schnell seinen ungefähren Wochenverdienst aus. 5.40 Euro multipliziert mit vermuteten 40 Wochenstunden, das waren :216 Euro brutto. Davon ging dann wohl noch so einiges an Sozialabgaben ab, dachte Udo ernüchtert. Viel mehr als Hartz 4 war das auch nicht, aber trotzdem:Diese Chance wollte er nutzen und alles, wirklich alles war ihm lieber als diese verfluchte Abhängigkeit vom Staat.

Herr T. Reichte ihm jetzt den Vertrag zur Durchsicht und Unterschrift. Udo las. Früh- und Spätschicht sollte er machen. Arbeitsbeginn der Frühschicht war 6.00Uhr morgens. Wie um alles in der Welt sollte er bis 6.00 Uhr in der Früh im Gewerbegebiet Grevenbroich sein? Er wohnte in einem Vorort und der erste Bus zum Bahnhof Neuss fuhr erst gegen 5.45 Uhr. Er würde das Fahrrad nehmen zum Bahnhof, überlegte er, dann wäre es zu schaffen. Urlaubs- und Weihnachtsgeld war nicht vorgesehen, ebenfalls keine Sonderzulagen für Überstunden und eventuelle Nachtarbeit, alles war mit 6.00 Euro brutto in der Stunde abgegolten. 26 Urlaubstage standen Udo laut Vertrag zu, immerhin waren das 5 Wochen. Punkt für Punkt ging Udo den Vertrag durch und obwohl er etwas enttäuscht war vom finanziellen Aspekt, schluckte er die Kröte und unterzeichnete . Danach unterwies ihn der Chef in den Sicherheitsbestimmungen des gewerblichen Betriebs, händigte ihm die Sicherheitsschuhe und ein paar Stundenzettel aus und entließ ihn mit der Hoffnung auf gute Zusammenarbeit aus seinem Büro.

Udo schnappte tief Luft, als er wieder draussen war, dann zündete er sich eine seiner Selbstgestopften an. Der Vertrag hatte es in sich, das waren ja Stundenlöhne wie für einen 16 jährigen Schüler. Der Traum, sich von seinem Lohn ein wenig anzusparen, war jedenfalls geplatzt. Desillusioniert lief Udo durch den immer noch strömenden Regen zur Bushaltestelle.

Sonntagnachmittag regten sich in Udo die ersten Bedenken, ob er dem Job gewachsen sein würde. Platinen bestücken, das erforderte doch sicher eine gewisse Fingerfertigkeit. Ob er wohl Grundkentnisse der Elektronik benötigte?, fragte er sich bange, dann aber überwog die Hoffnung. „Die Arbeit muss zu schaffen sein, man muss es nur wollen,“redete er sich ein und dann stellte er sich vor, wie er in der Firma im Akkord Platinen bestückte, als hätte er nie etwas anderes getan. „Es wird gutgeh`n“ sagte er sich und verwarf seine Ängste und Sorgen bis zum nächsten Morgen.Uhr riß ihn der Wecker aus seinen oberflächlichen Schlaf und Udo quälte sich müde aus dem Bett. Wieder hatte er gestern zu viel geraucht und dafür nachts die Quittung bekommen. Er hatte fast ununterbrochen gehustet und nur eine Stunde geschlafen. Udo wankte schlaftrunken in die Küche und machte sich einen Kaffee. Den hatte er sich , trotz seiner miserablen finanziellen Lage ausnahmsweise erlaubt, gleich am Samstagnachmittag hatte er für satte 10 Euro bei Plus eingekauft, in der Hoffnung, sein Konto mit seinem zukünftigen Verdienst wenigstens im Laufe der nächsten 4 – 5 Monate ausgeglichen zu haben.

Mit schlechtem Gewissen zündete sich Udo eine seiner Selbstgestopften an und kaum hatte er den Rauch in der Lunge hustete er wieder. Mehrere Minuten lang dauerte der Anfall und Udo rang nach Luft, während er zum Fenster lief und es aufriß. . Er atmete jetzt mehrmals tief ein und aus. Das hatte geholfen und Udo war, wie so oft in solchen Situationen, wütend auf sich selbst und schimpfte sich willensschwach und selber schuld an seinen Krankheiten. Dann aber stellte er sich unter die Dusche, es war sehr kalt in der Wohnung, denn Udo hatte aus Kostengründen nicht geheizt und so absolvierte er im Eiltempo sein Körperpflegeprogramm, zog sich an und trank seinen Kaffee. 4:15 Uhr war es jetzt, Udo hatte noch eine Viertelstunde, ehe er aufbrechen musste. Sein Herz begann zu klopfen vor Aufregung und Ungewissheit, wenn er an seinen zukünftigen Arbeitsplatz dachte und sein Blick streifte immer wieder die Tabakdose, die halb leer auf dem Tisch stand. Eine einzige Zigarette, um die Angst zu betäuben, wollte er sich nun doch noch genehmigen , wenn er nicht so tief inhalierte, würde es schon ohne Husten gehen und so zündete er sich wider besseren Wissens doch noch eine an. Diesmal hustete er nur wenig und er beschloß, den Tabak mitzunehmen zur Arbeit, obwohl er sich vorgenommen hatte,wenigstens während der Arbeit nicht zu rauchen.

Die Fahrt mit dem Fahrrad zumNeusser Hauptbahnhof war beschwerlich.Sturm und Regen peitschten ihn endgültig wach und er brauchte fast eine Dreiviertelstunde, ehe er sein Ziel schweißüberströmt und völlig außer Atem erreicht hatte. Udo `s Herz geriet aus dem Rhythmus, wie in letzter Zeit so oft und er bekam einen Augenblick beklemmende Angstzustände, als er sein Rad in den Fahrradständer schob und anschloß. Dann aber spürte er sein Herz nicht mehr und er beruhigte sich. Udo`s nasse Kleidung klebte ihm am Körper und er fröstelte, als er das Bahnhofsgebäude betrat. Er warf einen Blick auf den Fahrplan. 5Uhr 25 würde der Zug nach Grevenbroich abfahren. Gleis 6. Es war jetzt 5 Uhr 15, er hatte noch zehn Minuten Zeit. Das reicht für eine letzte Zigarette, dachte er, aber zuvor musste er noch die Fahrkarte lösen. Udo hatte am Samstag zwanzig Euro extra abgehoben von seinem überschuldeten Konto um den Fahrschein bezahlen zu können und so steckte er jetzt einen Zehn-Euroschein in den Geldschlitz, drückte sein Fahrtziel und wartete , bis der Automat Fahrkarte und Wechselgeld ausspuckte. Schließlich steuerte er Gleis 6 an, setzte sich in die Raucherzone und drehte sich eine Zigarette.

Pünktlich rollte der Zug in den Bahnhof ein. Udo stieg ein und die Wärme im Abteil ….......


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