Ein Märchen von Marion von Sperling. Liebe Leser,mit diesem Märchen das übrigens noch nicht zu Ende geschrieben ist, aber bereits weit fortgeschritten, habe ich mir viel Mühe gemacht. Leider weiß ich nicht, wann ich weiter an der Fortsetzung arbeiten kann, da ich zur Zeit in einer Klinik untergebracht bin und ich nicht weiß wann ich von dort entlassen werde.Ausserdem muss ich mich unter schwierigsten Umständen um meine Finanzen kümmern, denn ich habe nicht nur mich zu versorgen sondern auch noch meinen Mann(teilweise) und meinen Sohn. Deshalb bitte ich jeden der Interesse an der Geschichte hat und der ein wenig Geld erübrigen kann uns vielleicht etwas zukommen zu lassen. Das sollte aber nur auf freiwilliger Basis geschehen, wir brauchen janicht viel,nur für Miete, Krankenkasse und Lebensmittel. Wir wohnen übrigens in Neuss, noch in Weckhoven und möchten Euch bitten etwaige Post nicht mit einem privaten Zustelldienst zustellen zu lassen . Und nun möchte ich euch einen kleinen Teil der Geschichte vorstellen, keine Angst auch wenn kein Geld fließt werde ich euch bald mit noch mehr Lesestoff versorgen , ich schreibe nur deshalb erst mal wenig weil ich nur einen Tag Urlaub von der Klinik habe und deshalb den Laptop nur einige Stunden nutzen kann.

16.07.07 Ich bin seit zwei Wochen aus der Klinik raus und freue mich über meine neu gewonnene Freiheit. Jetzt habe ich endlich Zeit für die Dinge, die ich während meines Krankenhausaufenthaltes nur schwer in Angriff nehmen konnte, unter anderem die Fortsetzung meiner Märchengeschichte.



Das Märchen:

Gute Nacht, mein Sohn.“ Johannes schmiegte sich ins Kissen. Seine Mutter gab ihm noch einen Kuss auf die Wange, deckte ihn zu und verließ dann das Zimmer.

Johannes war glücklich. Er stellte sich vor auf einer grünenWiese zu stehen, vor ihm unendliche weite Landschaften, unter ihm daszarte Grün der Gräser, bunte, farbenfrohe

Gänseblümchen, Butterblumen,Löwenzahn und viele, viele Wildkräuter am Rande der Wiesen. Barfuß genoß er die kühlende Wirkung des feuchten Taus auf dem Gras, während über ihm die Sonne immer höher stieg.

Als er so eine Weile gegangen war, begegnete ihm der liebeGott in Gestalt eines kleinen Jungen. „Guten Morgen ,Johannes“sagte der Junge. „Guten Morgen“antwortete Johannes.“Wer bist Du?“ „Ich heiße David.“ „Woher kommst Du, David?“ fragte Johannes.neugierig. „So früh ist doch sonst niemand unterwegs“ „Ich weiss. Ich habe die ganze Nacht nach Dir gesucht.“sagte David. „Ist das wahr?“ Johannes Herz machte einen Sprung.

Du kannst mir helfen, Johannes.Weit, weit fort von hier, da wo noch kein sterbliches Menschenkind gewesen ist, liegt das Märchenland. Dort tobt der Kampf zwischen Gut und Böse, die Märchenkinder selbst sind dabei, ihr eigenes Schicksal zu besiegeln zum Schlechten und nur ein Kind kann das Volk führen und alles zum Guten zu wenden.

Ich habe Dich erwählt, Johannes, weil ich weiß, daß Dir der Unterschied zwischen Recht und Unrecht noch etwas bedeutet. Ich halte Dich für mutig, und ich denke Du wirst den neuen Machthabern die Stirn bieten und das Volk führen und darum erhoffe ich mir, nein ich weiß es geradezu, daß sich mit Deiner Hilfe alles zu Guten wenden wird. Bist Du bereit, dieses Abenteuer zu wagen. Johannes errötete und nickte stumm mit dem Kopf.

Komm,“sagte David. Wir gehen“. David nahm Johannes an die Hand und gemeinsam wanderten sie vorbei an Bauern und Mägden, die gerade dabei waren die Felder zu bestellen.



Alle sahen den beiden verwundert nach und Johannes grüsste Mägde und Bauern artig, dann gelangten sie an einen Fluss.

Und nun“ fragte Johannes.Ich bin durstig.“ „Nur zu, Johannes, erfrische Dich.“ Johannes beugte sich über das Wasser, schöpfte mit der hohlen Hand aus dem Fluss und trank.Dann benetzte er sein Gesicht mit dem kühlen Nass, setzte sich anschließend auf einen Fels, der am Ufer lag und schaute in die Ferne. Als er so schaute, legte sich plötzlich ein Schatten vor seine Füsse.“David“ Niemand antwortete. „Wo war David?“ Folge dem Schatten, Johannes“kam Davids Stimme aus weiter Ferne. „Ja, David“. Plötzlich verspürte Johannes eine wohlige Müdigkeit in sich. Er rieb sich die Augen, gähnte herzhaft und legte sich dann in dem vor ihm liegenden Schatten. Noch bevor die Sonne sich für diesen Tag verabschiedete, war Johannes eingeschlafen. Tief und fest waren seine Atemzüge und er spürte nicht den zarten Hauch des Windes, der ihm wohltuende Kühlung brachte, nach diesem warmen Tag. So schlief er ruhig und selig, bis der liebe Gott die ersten Vögel weckte, die mit ihrem fröhlichen Zwitschern den neuen Tag begrüssten. Johannes reckte sich und streckte sich und trieb so alles, was an Müdigkeit übriggeblieben war aus seinen Gliedern.

Versonnen sah er wiederum die Sonne höhersteigen und bald erschien ihm Davids Schatten. Er lag wie ein dunkler Teppich über dem Fluss und abermals hörte er Davids Stimme“Folge dem Schatten“ Johannes machte sich auf und folgte dem Schatten in den Fluss, überquerte ihn und gelangte schließlich glücklich ans andere Ufer. Der Schatten eilte ihm in den nahegelegenen Wald voraus und als die Sonne schon hoch am Himmel brannte, stand Johannes vor einem kleinen Häuschen, ganz aus Holz, das Dach mit Moos bedeckt und der Schornstein schwarz wie ein Zylinderhut und rund und groß wie eine Regentonne. „Tritt ein, Johannes,“ riefeine Stimme von drinnen und wie von Geisterhand öffnete sich die schwere Holztür. Kaum hatte Johannes das kleine Häuschen betreten, schloss sich die Tür knarrend hinter ihm. „Komm, Johannes,setz Dich, Du wirst hungrig und durstig sein.“

Johannes schaute verwundert auf einen reichlich gedeckten Tisch, an dem eine alte Frau saß, die ihn aus einem fast zahnlosen Mund freundlich anlächelte. Das weisse Haar hatte sie zu einem Knoten zusammengebunden und mit ihrer kleinen runden Brille sah sie weiseaus wie eine Gelehrte. Zögernd nahm Johannes an ihrem Tisch Platz und nachdem die Alte ihn dreimal aufgefordert hatte, tüchtig zuzulangen, ließ Johannes es sich nicht ein viertes Mal sagen und füllte seinen Magen eilig mit den vielen Köstlichkeiten, die die Alte ihm an ihrem Tisch bot.

Als Johannes sein Mahl beendet hatte, hieß ihn die Alte aufstehen und ihr folgen in einen kleinen kahlen Raum in dessen Mitte ein kleiner wacliger Tisch stand, auf dem sich eine durchsichtige Kugel befand. Erstaunt blickte er auf die Kugel und was er darin sah, war mehr als verwunderlichEr erkannte sich selbst inmitten einer Waldeslichtung. Er trug einen Sack mit sich, in dem sich ein grosser Batzen Golddukaten befand.

Nun, Johannes erschrick nicht, hörte er die krächzende Stimme der Alten neben sich. Meine Wunderkugel schaut in die Zukunft und was Du darin siehst, soll Dich nicht das Fürchten lehren. Suche nach Hans im Glück, er ist dort draussen zu finden. Es wird Dir kein Leid geschehen, ich gebe Dir diesen Sack voller Dukaten, er wird Dir helfen. Damit verabschiedete ihn die Alte und wies ihm die Tür.

Johannes warf den kostbaren Sack über seine Schultern und machte sich auf, Hans im Glück zu suchen. Der getreue Schatten wies Johannes den Weg und bald war er an einer Lichtung angelangt.Dort hielt Davids Schatten plötzlich inne und Johannes war es, als müsse gleich etwas Seltsames geschehen. Er blieb stehen, drehte sich um und sah aus der Ferne einen Jüngling kommen, blond und barfuß wie er. Johannes vernahm das leise Trällern des Jungen, der ein lustiges Lied auf den Lippen zu haben schien.

Der Junge näherte sich Johannes rasch und als er gerade dazu ansetzte, ihn mit einem fröhlichen „Grüss Gott“ zu überholen, wurden die zwei Knaben von einer grossen, finsteren Gestalt überrascht, die mit einem langen krummen Säbel auf sie zukam.

Halt Ihr Lumpen!“ „Guten Tag Herr, sagte Johannes.“Wer bist Du?“ Der finstere Geselle lachte. „Wer ich bin?“ Ich bin....... und mich schickt die dunkelste Gestalt derUnterwelt. Und wenn Du mir nicht sofort sagst, was sich in Deinem Sack befindet, besucht Ihr beide heute noch den Teufel. „Das will ich Dir gerne sagen;Herr ,der Sack ist voll mit Golddukaten, und man hat mir gesagt, die werden mir helfen“ „Wenn Dir Euer Leben teuer ist, gebt mir die Dukaten,oder es setzt Hiebe mit dem Säbel.“

Johannes dachte einen Augenblick nach, dann wurde sein Anlitz klar und mit freundlicher Miene sagte er:“Mir wird nichts geschehen,Herr. Das ist mir vorausgesagt worden. Aber wenn Du mir sagst, wo ich Hans im Glück finde, werde ich Dir den Schatz überlassen. Ich bin Hans im Glück, hörte er den Jüngling sagen. Und wenn Du diesem Gesellen den Sack gibst, ist mein Leben gerettet.“ „Das will ich gerne tun,“antworteteJohannes und überreichte dem Alten den Sack. Schnell schnappte dieser danach und machte sich davon, in den dunklen Wald,soo schnell wie er daraus gekommen war..

Hans im Glück lächelte. Ich bin der glücklichste Jüngling unter der Sonne“ rief er fröhlich und umtänzelte Johannes. Für ein paar Dukaten schenkt mir dieser Ganove das Leben. Wollen wir einen Wettstreit machen, wer der glücklichste Junge ist?“ fragte JohannesIc



bin es ebenso, denn ich habe Dich gefunden,Hans im Glück. Und die Dukaten haben uns zusammengeführt. Lass uns ein Stück gemeinsam gehen“ klangen beide Stimmen zur gleichen Zeit. Einen Augenblick später sah man zwei lachende Knaben Arm in Arm des Weges schreiten

Hans im Glück und Johannes liefen bis zum späten Abend. Die Sonne stand schon tief und rot am Horizont als sie an einem schmiedeeisernen Tor ankamen, das so groß und lang war, das ihre Augen das Ende nicht zu erblicken vermochten und den beiden Betrachtern Glauben machte, es sei das Lebenswerk der halben Menschheit.

Beide Knaben staunten. Was verbarg sich nur hinter so einem Tor? Und wie gelangten sie ins geheimnisvolle Innere?

Davids Schatten hatte die Grenze schon überschritten und Johannes hörte ihn leise flüstern.“Suche den Schlüssel und tritt ein.“ Johannes war ratlos.“Wo sollich suchen“fragte er den Schatten?“



Plötzlich sah er zwölf Raben mit grossem Geschrei über sein Haupt fliegen und der Anführer ließ etwas aus seinem Schnabel fallen.Johannes verfolgte das seltsame Etwas mit seinen Augen und als es auf der Erde angekommen war, sah er den Raben, der sich aufmachte und dem Ding nachfolgte.

Da stand der Rabe nun,laut krächzend und mit den Flügeln schlagend und hielt Wache bei seinem kostbaren Schatz.

Warte hier, Hans im Glück. Ich gehe und schaue nach, was der Rabe da bewacht,“sagteJohannes und lief los. Hans im Glück blieb neugierig stehen und sah Johannes mit grossen Schritten auf den aufgeregten Raben zulaufen.

Nach hundert Fuß gelangte Johannes beim Raben an. „Halt“, sprach das Tier. „Nicht weiter. Sage mir erst Deinen Namen.“ „Ich heiße Johannes,“sagte der Knabe. „Und ich habe Bekanntschaft gemacht mit David und Hans im Glück.“ „Dann bist Du derjenige, der hier erwartet wird.“antwortete der Rabe. Nimm den Schlüssel, der zu meinen Füssen liegt und öffne das Tor. Vergiß aber Deinen Freund nicht.“

Mit diesen Worten verabschiedete sich der Rabe und flog eilig davon. Johannes hob den Schlüssel vom Boden. Er war schwer und rostig und Johannes war es, als hielte er etwas ganz Besonderes in der Hand. Langsamen Schrittes lief er zurück zu Hans im Glück, der immer noch wie angewurzelt vor dem Tor stand.

Die Sonne hatte sich schon fast verabschiedet, als Johannes und Hans im Glück mithilfe des alten Schlüssels in das Innere der Umzäunung gelangten. Auch der Schatten hatte schon ade gesagt, Johannes hörte ihn nur noch leise wispern. „Du wirst mich hier nicht benötigen. Ich komme wieder, wenn meine Zeit gekommen ist.“.

Einen Augenblick später schien das Augenlicht der beiden Freunde wie jeden Tag um diese Zeit ohne Sinn zu sein, denn es war stockfinster und sie konnten nur noch von den Bildern zehren, die der liebe Gott ihnen als Erinnerungen in ihre Seele geschrieben hatte. So fielen beide bald in einen erquickenden Schlaf und erst als die Sonne am nächsten Tag schon eine Weile unterwegs war, schlugen die beiden die Augen endlich wieder auf. Sie kamen langsam zu sich und als sie sich umschauten, erkannten sie einige Schritte von sich entfernt sieben zipfelmützige Winzlinge, die sich zu einem Kreis aufgestellt hatten und sich zu beraten schienen.

Einer, der wohl der Älteste war, zeigte mit wilden Handbewegungen auf die Beiden. Man hörte ein aufgeregtes Gemurmel und einen Moment später sahen Johannes und Hans im Glück die Wichtel einträchtig auf sich zukommen. „Grüsst Gott,Fremde,“sagte der Älteste und rieb sich dabei verlegen den langen Bart.“Wir sehen, Ihr seid neu hier in unserem Land. Würdet Ihr uns die Freude machen, heute unsere Gäste zu sein?“ „Die Freude ist auf unserer Seite,“antwortete Johannes. „Wir sind hungrig und durstig und Eure Einladung ist uns herzlich willkommen.“ Mit diesen Worten erhoben sich Johannes und Hans im Glück von der Erde. „Unsere bescheidene Wohnstätte liegt nahe dem Bach, den ihr dort drüben erspähen könnt,“ sagte der Älteste und wies mit seinem Finger auf ein Gewässer unweit eines Waldesrandes.

Johannes wollte soeben seinen Blick wieder den Winzlingen zuwenden, da wurde er Zeuge eines so seltsamen Geschehens, daß es ihm für einen Augenblick schien, er träume.

Er sah, wie zehn Forellen, eine nach der anderen aus dem Wasser hüpften und im Gänsemarsch auf einen grossen Topf, der am Ufer stand, zumarschierten. Darin sprang der vorderste Fisch zuerst, alle anderen folgten ihm der Reihe nach.

Als die Fische schon einige Zeit lagen, stand Johannes immer noch mit offenem Mund da und staunte. Dieses Land war wirklich wunderlich.. „Kommt, unsere Mahlzeit wartet.“ so weckte der älteste Zwerg ihn aus seiner Verwunderung und alle Neune machten sich auf in Richtung Bach. Nach 150 Fuss gelangten sie an den Topf in dem die Forellen friedlich wie im Schlaf lagen und darauf warteten, bald von ihnen verzehrt zu werden.

Der Älteste hieß Johannes und Hans im Glück den Topf tragen und gerade, als sich die beiden über den Verbleib der Wohnstätte wundern wollten, kamen sie in den wohltuenden Schatten einer uralten Eiche und als sie bei dieser endlich angekommen waren, gerieten sie wiederum ins Staunen, denn der Baum war so groß und mächtig, daß es hundert ausgewachsene Männer nicht vermocht hätten, ihn zu umfassen..

Der Baum neigte vornehm spärlich zur Begrüssung sein gewaltiges Haupt und mit leisem Rauschen flüsterte er ihnen ein herzliches „Grüss Gott“ ins Ohr. Die Zwerge hießen Johannes und Hans im Glück mitkommen auf die andere Seite des Baumes. So wanderten sie eine kleine Weile, bis sie angekommen waren, da erwartete sie ein Garten, der war eine große Freude für ihre Augen und Nasen.

Thymian stand Spalier neben Wacholder, Kamille neben Pfefferminz, Rosmarin, Schnittlauch und Lorbeer, Rapunzelsalat und Petersilie boten sich zumcPflücken an und der betörende Duft der vielen Gewürze und Kräuter und der gelben, blauen ,roten und weißen Blumen luden ihre Sinne zum Verweilen ein. Johannes Blick gesellte sich gerade zu den beiden Hasen, die sich dort bei den Wurzeln schon eine Weile lieb zu haben schienen, als sich auf seinecHand ein Marienkäferchen setzte, das hatte nur einen Punkt.

Als Johannes die Hand hob, umes näher zu beschauen,hob es einen kurzen Augenblick eitel die Flügel wie zum Fluge an, ließ sie dann aber wieder sinken um sich noch einen Moment betrachten zu lassen, als es sich aber bis zum Finger emporgearbeitet hatte, flog es davon und Johannes schaute ihm entzückt nach, wie es auf die Blätter des Apfelbaumes, dessen Früchte rot und prall in der Sonne winkten, zuflog.

Johannes folgte dem Käferchen und seine Augen wanderten den Stamm entlang zu den Äpfeln, die ihn das Wasser im Mund zusammenließen und schließlich verweilten seine Blicke in der satten und saftiggrünen Krone, in der sieben Spinnen eifrig an einem Kleid webten, das so zart war, als hätte man es mit warmem Atem in kühle Morgenluft gehaucht.

Die sieben hatten gerade ihr Werk über Johannes Augen fertiggestellt, als sich eine dunkle Wolke über dem Baum entlud und diesem wohltuende Erfrischung brachte. Dabei fiel das Kleid zu Boden und Johannes sah, das die Regentropfen daran zu kleinen Kristallen erstarrt waren, die das ganze Kleid überzogen und so prunkvoll schimmerten wie der Regenbogen, der gerade in diesemAugenblick am Himmel erschien und um Versöhnung mit der Sonne zu bitten schien. Plötzlich aber entdeckten Johannes Augen am Himmel ein gleißendes Licht, das in allen Farben prächtig glänzte, so stark, das es selbst die Sonne blaß erscheinen ließ, als sei es für sie an der Zeit, dem Mond Platz zu machen und gleichzeitig ertönte ein Gesang, wie er lieblicher nie zuvor auf der grossen weiten Welt gehört wurde.

Ihm wurde wohlig warm ums Herz und er vernahm noch deutlich die glockenhelle Stimme, die zu ihm sprach:“Willkommen, Johannes. Ich habe Dich erwartet. Ich bin die Liebe.“ Dann verfiel er in eine Ohnmacht und wachte erst wieder auf, als ihm der Geruch von frisch gesottenem Fisch in die Nase stieg. Er brauchte ein Weilchen um sich zu besinnen, wo er sich befand, denn um sich herum sah er den Garten nicht mehr.Vielmehr beherbergte ihn die stolze Eiche, dessen Stamm die Zwerge zu einem gemütlichen Heim ausgearbeitet hatten.

Die sieben saßen an einer langen Tafel mitten indem runden Zimmer, vor sich Tellerchen und feine klistallene Gläschen gefüllt mit Wein, so rot wie Rubin. Neben ihnen ließ sich Hans im Glück seine Mahlzeit schmecken. Am Kopfende der Tafel aber saß ein wunderschönes Mädchen mit engelsblondem Haar, rosigen Wangen und Lippen rot wie Blut. Als die neune bemerkten, das Johannes aus seiner Ohnmacht erwacht war, hießen sie ihn, neben der Jungfrau Platz zu nehmen und tüchtig zu essen

Schön, Euch in unserem Kreise aufnehmen zu dürfen,“so sprach das Mädchen und Johannes sah ihr Herz höherschlagen, als sie ihm ihre zarte Hand reichte. „Ich heiße Schneewittchen und die zwölf Raben, die ihr vor unserem Tor kennenlernen durftet, haben mir eine Nachricht gesandt. Johannes und Hans im Glück, Ihr beide seid also die Langerwarteten....



Ihr beiden seid also die Langerwarteten, die uns aus unserer Einsamkeit und alle anderen aus dem Tal der Tränen befreien könnt. Eure Aufgabe wird nicht einfach sein, denn das Übelste aller Ungeheuer neigt dazu, sich in die Seele der Menschen einzuquartieren und sich dort festzubeißen. Aber ich verspreche Euch: Ihr werdet mutige Helfer an Eurer Seite haben.

Die Kunde von eurem Erscheinen hat die Runde gemacht und in weniger als einer Stunde werden die Tapfersten unter unserem Volke euch ihre Aufwartung machen und danach drängen, euch zu begleiten.“ Mit diesen Worten erhob Schneewittchen ihr Glas und alle in der Runde stießen an auf Johannes und Hans im Glück.

Schneewittchen, die sieben Zwerge, Johannes und Hans im Glück waren gerade in angeregter Unterhaltung, als sie durch lautes Pferdegetrampel und dunkle Stimmen von draussen daran erinnert wurden, das die beiden Gäste eine wichtige Aufgabe zu erfüllen hatten und hurtig öffneten die sieben Zwerge ihre geheimen Gänge, die tief unter der herrlichen Eiche lagen und eh man sich`s versah, krochen die mutigen Männer, denen die tiefen Stimmen gehörten, gleichsam Maulwürfen aus der Erde ins traute Heim von Schneewittchen und den sieben Zwergen.

Schneewittchen begrüsste die Kerle mit zierlichem Knicks und die Kerle, galant, wie sich`s für Edle und Tapfere eben geziemt, verbeugten sich mit Handkuss vor Schneewittchen, der dabei die Wangen noch rosiger wurden, denn Schneewittchen war nicht eitel und wusste nicht, warum ihr so geschah. Dann wurden alle einander vorgestellt und danach setzte man sich gemeinsam an die Tafel, auf die Schneewittchen immer neue Gaumenfreuden deckte. So ließ man es sich zunächst noch eine Weile schmecken, bis sich der Grösste unter ihnen von seinem Stuhl erhob und mit tiefer Stimme zu Wort meldete.

Johannes und Hans im Glück,“so setzte er an,“wir heißen euch im Namen aller Anständigen des Märchenlandes aufs Herzlichte willkommen. Wie ihr sicher wißt, greift das Untier aus der Unterwelt nach der Macht im Märchenland und versucht nach und nach die Seele der Menschen in unserem Land aufs Übelste zu vergiften. Nun ist uns vorausgesagt worden, das ein Jüngling namens Johannes in Begleitung von Hans im Glück zu uns stoßen würde um mit uns gemeinsam dieser Plage Herr zu werden und es ist uns eine besondere Ehre, euch begleiten zu dürfen. Wir alle, die wir hier sitzen, sehen unser Schicksal mit der Vertreibung dieses Satans aus unserem Land verknüpft und wir werden alles daran setzen, euch eure Aufgabe so einfach wie möglich zu machen. Johannes und Hans im Glück, es geht das Gerücht um, die Unterwelt wolle die Macht über das Wetter erringen. Was das bedeutet, ist in wenigen Worten gesagt. Die Unterwelt hätte mit diesem Schlag die Kontrolle über Gedeih und Verderb der Ernten und auch darüber, ob uns unsere Flüsse und Bäche weiterhin so erquickende Erfrischungen bringen werden oder ob sie trocken daliegen und ihre Betten verwaist sein werden. Mit einfachen Worten:Das Ungeheuer wäre Herr über Leben und Tod im Märchenland.

Bisher konnten wir unsere Wetterfee, die Frau Holle gut verbergen vor dem Zugriff des Teufels, aber wir müssen leider befürchten, das ihr bisheriges Versteck nicht mehr sicher ist, seitdem in unserem Land eine Pechmarie herumläuft, ein faules Mädchen, das Frau Holle zu Diensten sein sollte, aber keinen Finger rührte als es darauf ankam, diese Pechmarie, sie heißt so, weil ihr Anlitz über und über mit Pech begossen wurde zum Dank für nicht getane Arbeit, nun diese Marie wurde gesehen mit einem ortsbekannten Tunichtgut, dem Verbindungen zum Teufel nachgesagt wurden und wir befürchten jetzt, das sie Frau Holle verraten wird aus Rachsucht und Habgier, wie`s auch sei.







Eure Aufgabe wird es sein, die Unterwelt in unserem schönen Reich unschädlich zu machen oder zu vertreiben, so das Frau Holle und alle unbescholtenen Bürger ohne Angst hier leben und ihr Werk tun können. Die Weissagung sagt, euch werde nicht ein Haar

gekrümmt und ihr werdet unversehrt euren Auftrag tun, auch wenn es manchmal nicht den Anschein hat. Das solltet ihr euch stets vor Augen halten, spätestens dann , wenn grösste Furcht euch den Verstand rauben will.

Und nun, ihr beiden Befreier, erhebe ich noch einmal mein Glas auf euch und auf unsere Rettung.“ Die Gesellschaft war noch lange Zeit vergnügt und ahnte nicht, das in den Ästen ihrer Eiche die Gefahr lauerte. Gut getarnt in der Finsternis schlängelte sich ein Ungeheuer den Stamm entlang, das Johannes und Hans im Glück schon seit ihrem Eintritt ins Märchenland beobachtet hatte und ihnen seitdem unbemerkt bis hierher gefolgt war.

Es hatte alles mithören können und durch ein Löchlein, das einst die Zwerge in den Stamm des alten Baumes gearbeitet hatten, konnte es das Männlein mit den runden Augengläsern sehen, das die Gesellschaft zu mahnen schien, endlich aufzubrechen.und einige Augenblicke später konnte man die Wagemutigen sehen, wie sie sich auf dem Hof versammelten und gen Himmel blickten Der Mond lachte rund und voll am Firmament und die Sterne schienen im Wettstreit miteinander auf die Erde zu funkeln und so winkten alle Mond und Sternen grüssend zu, dann machten sie sich auf um im Schutze der Dunkelheit ihren schweren Weg anzutreten.

So wanderte das kleine Volk, allen voran Johannes und Hans im Glück durch den tiefen, dunklen Wald, der ihnen ein leises Lied sang und seine Musik waren das Rauschen der Bäume, das Heulen des Uhus und das Knacken der Zweige, die manchmal gebrochen werden mussten, damit sie ihren Weg fortsetzen konnten und so fiel das Ungeheuer gar nicht auf, das den Leuten in sicherem Abstand gefolgt war und auch die Laute, die es von sich gab, waren nur gehört von der Unterwelt. Klänge, die sie die Todesmelodie nannten in der Hölle, wo sie gesungen wurde, sollte es bald Verderben geben, aber die edlen und tapferen Helden fingen aus ganz anderem Grund an, sich zu fürchten.

Der Mond nämlich, der sie bis dahin treu begleitet hatte, versteckte sich nun hinter dicken Wolken und kurz darauf setzte ein feiner Regen ein, so daß sie ihre Pechfackeln entzünden mussten und kurz darauf feststellten, daß sie sich in einem Sumpf verirrt hatten und sie konnten nicht vor und nicht zurück, überall war Moor und sie erschauderten bei jedem Kauzen des Uhus.

Der Regen war inzwischen so stark geworden, daß er ihre Fackeln löschte, jetzt hatten sie gar keine Sicht mehr, nur der Mond spendete ihnen hin und wieder ein wenig Licht, jedesmal dann, wenn er eine Lücke im Wolkenteppich entdeckte, zeigte er sich groß und mächtig, aber immer wenn die Freunde unten glaubten, mit dem Mond sei jetzt wieder zu rechnen, schoben sich die Wolken wieder vor ihn und so spielte der Himmel sein Spiel. Johannes und seine Getreuen fühlten sich nun ganz verlassen.

Uns wird nichts anderes bleiben, als die Nacht hier auf diesem Pfad , auf dem wir jetzt stehen, zu verbringen.“ sagte Johannes .“Setzt euch so gut ihr könnt, es wird unbequem, aber wir können uns nicht vorwärts wagen, das Moor hat bestimmt schon viele allzu Wagemutige verschlungen, und so wollen wir nicht dazuzählen, deshalb nochmals:“Setzt euch dahin, wo ihr gerade steht und rührt euch nicht vom Fleck.“

Die Edlen und Tapferen taten, wie ihnen geheißen, so bevölkerten sie mitten in der Nacht den allzu schmalen Pfad, der sie hauchdünn vorm Verderben schützte. Man saß die halbe Nacht auf der Stelle und auch das Ungeheuer war nicht weit. In einer alten Trauerweide hatte es sich in der Krone versteckt und lauerte nun auf das weitere Geschehen.

Dann sah das Tier, das auch in der Nacht alles ganz scharf sehen konnte, das Männlein mit den runden Augengläsern, auch bekannt als tapferes Schneiderlein. Es lief gemütlich zwischen seinen Kameraden auf und ab, schließlich entfernte sich der Geselle unbemerkt von Johannes und Hans im Glück und wenig später ertönte ein grausiges gequältes Aufheulen durch die Dunkelheit, immer wieder, lange Stunden, dann im Morgengrauen endete das Heulen mit einem Schlag.

Die Märchenkinder hatten eine unruhige Nacht verbracht, das nahe Jaulen des Untiers hatte sie beunruhigt und um ihren ohnehin losen Schlaf gebracht.

Schließlich aber brach der neue Tag an. Freundlich begrüsste die Sonne die Tapferen und so wollte man sich gerade aufmachen als Hans im Glück den Schneider als vermisst meldete.

Große Aufruhr machte sich breit, niemand hatte das nächtliche Verschwinden des tapferen Schneiders bemerkt. Man rief nach ihm und hielt Ausschau, aber alles war vergebens-`s gab kein Lebzeichen vom Verschwundenen. „Was glaubt ihr, Johannes und Hans im Glück. Ist er Opfer des Moores geworden, oder hat ihn ein Ungeheuer verschlungen?“fragte der Große die beiden Anführer. „Ich gäbe was drum, etwas darüber in Erfahrung zu bringen,“antwortete Hans im Glück nun und tiefe Trauer lag in seinen Worten.“ „Das wir hier im Moor heute nacht nicht alleine waren, ist bewiesen,“hörte man nun Johannes und mit zitterndem Finger wies er auf den blutbefleckten Ast einer alten Mooreiche, der nur zur Hälfte aus dem sumpfigen Morast ragte.

Lieber Himmel,“rief Hans im Glück bange-“das Blut; ist es des Schneiders?“ „Man hat ihn gefressen, erinnert ihr euch an das grausame Heulen heute nacht?“ vermutete nun Hänsel.

Liebe Mitstreiter, rief nun Johannes in die aufgebrachte Menge:“Wir haben den ersten Toten zu beklagen. Heute nacht, von uns allen unbemerkt, ist unser treuer Verbündeter, das tapfere Schneiderlein auf nichtgeklärte Art und Weise vermutlich ums Leben gekommen. Wir glauben, ein wildes Tier hat ihn gefressen. Blutflecken, wahrscheinlich vom Schneider, kleben an diesem Ast hier.Johannes zog den Ast aus dem Morast und hob das schwere Stück Holz in die Höhe. Vermutlich hat sich der blutende Schneider auf eine Eiche retten wollen, hat es dann aber nicht mehr geschafft und wurde mir nichts, Dir nichts, verschlungen“. „Lasst uns ein Gebet sprechen auf den Verstorbenen und dann diese unwirtliche Landschaft auf schnellstem Wege verlassen.

Die Edlen und Tapferen sammelten sich, grosser Schmerz und Wehklagen lag in der Luft,dann beteten sie zum Himmel und baten den lieben Gott um Gnade für den Schneider und um Beistand für sich bei ihrem wichtigen Auftrag.

Schließlich hinterließen sie ein kleines Holzkreuz an der Stelle, an der man das Ableben des tapferen Gesellen vermutete, dann packten sie ihre Siebensachen und verließen das Moor, so schnell sie ihre Füsse trugen.

Nach einigen Stunden Wanderung, sie hatten das Moor längst hinter gelassen, kamen sie in eine Landschaft, die trocken und dürr war und vom Sonnenschein zuviel und vom Regen zuwenig gesehen hatte. Sie hatten Hunger und Durst und erschöpft setzten sie sich gegen Mittag in den dürftigen Schatten eines halb verdursteten Ahorns. Er hatte viele seiner Blätter abgeworfen und als Johannes sich gegen ihn lehnte, hörte man ihn seufzen.“Nanu, ein Baum, der unsere Sprache spricht.“ Johannes zeigte sich verwundert und dann entdeckte einer der seinigen ein Augenpaar, das sich hoch über ihnen unter der Krone versteckt, öffnete und schloß, und einen Mund, aus dem weiteres Wehklagen und Jammern zu hören war.

Ja, ich spreche und habe Gefühle, wie Du und die Deinigen“, sagte der Baum nun und Tränen rannen ihm den Stamm entlang. „Ich weine, weil mir heiß ist und ich auf der Stelle stehen muss. Seit vielen Wochen stehe ich an diesem Ort, vorher war mein Zuhaus der dunkle Wald nahe dieser Stadt. Weil ich rührselig veranlagt bin und mir bei jeder Gelegenheit die Tränen kommen, hat man mich fortgejagt in diese einsame Landschaft.“

Das alles ist mir rätselhaft,“sagte nun Hans im Glück und die anderen Edlen pflichteten ihm bei. „Ja, wißt ihr denn noch nicht?“ fragte der Baum nun und noch mehr Tränen rannen ihm aus den Augenwinkeln. „Die Unterwelt hat Herrschaft ergriffen von der einst so frommen Stadt nahe meiner Heimat. Sie haben Frau Holle die Macht über das Wetter gestohlen und sind gerade dabei, mithilfe der prallen Sonne das ganze Land auszutrocknen und die Bewohner gefügig zu machen. Viele sind zu uns Wäldlern gekommen,`swurde ihnen sonst überall zu heiß und die Frömmsten unter ihnen bekamen sogar nichts mehr zu trinken. Als wir davon hörten, weinten einige von uns nasse, kalte Tränen und die Menschen in ihrer Not, kosteten davon und löschten so ihren Durst.Als die neuen Herren dies bemerkten, verboten sie uns unsere Tränen und fast alle gaben dann auf und wurden starr und mitleidslos. Nur ich und zwei weitere Kollegen, eine Buche und eine Pappel, haben uns nicht nehmen lassen für die Ärmsten der Armen Tränen zu spenden und so wurden wir bald fortgejagt und es wurde uns bei Todesstrafe verboten, nochmals das Gebiet im nahen Umkreis der Stadt zu betreten.

Das sind zweifelsohne schlechte Nachrichten,“sagte nun Hans im Glück. „Sag, wie finden wir den Weg in die Stadt?Wir wollen uns das Schauspiel näher ansehen und helfend eingreifen, wo es möglich ist. Ausserdem müsste ich wissen, wo ich die bösen Unterweltler zu suchen habe, denn ich habe keinerlei Anhaltspunkte für die Wurzel allen Übels.“

Nun, das Gemeine ist, das der neue Machthaber sein Anlitz wechselt, so oft er es für nötig hält. Mal verwandelt er sich in einen grausamen Riesen, dann wieder schlägt er sich durch wie ein harmloser Trunkenbold, ein andermal sieht man ihn in Gestalt eines wilden Tieres durchs Land ziehen. Ihr müsst selber herausfinden, mit wem ihr es künftig zu tun habt, einen Ratschlag kann ich euch da nicht geben. Im übrigen ist der Weg in die Stadt nicht schwer zu finden. Lauft nur den ganzen Tag der Sonne nach, da wo sie sich abends niederlegt,steht unser kleines Städtchen. Ich wünsche euch viel Glück und finde es ausserordentlich mutig, daß ihr dem neuen Machthaber die Stirn bieten wollt. Ade“.

Ade,“flüsterte Johannes nun und auch die Edlen und Tapferen verabschiedeten sich vom Ahorn und dann liefen sie immer westwärts der Sonne nach. Dann, nach Stunden langen Marschierens tauchte die nun rotgewordene Himmelsmacht unter, im Horizont nahe des Wachturms einer alten Stadt.

Müde und hungrig von der langen Wanderung versteckten sich die Märchenkinder in einem niederen Gebüsch ein wenig abseits der Stadt. Sie wollten nicht gleich gesehen werden und erst beratschlagen, was zu tun sei, angesichts der Tatsache, das die Unterwelt bereits Herrschaft über das Wetter besaß.

Nur ein Zeuge, nämlich die grausamste Bestie der Unterwelt, hatte sie erwartet. Stundenlang hatte das teuflische Tier auf sie gewartet;und nun waren sie endlich gekommen – die arglosen Helden des Märchenlandes. Leise schlängelte es sich in die Nähe der Helden, so nah, daß er genau hören konnte, was unter ihnen besprochen wurde, dann – als das Tier glaubte, genug gehört zu haben, schlich es sich eilig davon, den Mund gefährlich weit offenstehend und mit seiner langen und dünnen Zunge zischelte es durch das Gebüsch und kroch direkt auf die Stadt zu.

Die Märchenkinder, die beschlossen hatten, sich als harmlose Wandergesellen auf Suche nach Arbeit zu tarnen, brachen schließlich auf und endlich – nach einem guten Viertelstündchen erreichten sie in der Dunkelheit die Tore des bis vor kurzem noch verschlafenen Städtchens.

Hey, Soldaten“, rief Johannes nun zum Wachturm hoch. „Wir begehren Einlass.“ Die Soldaten unterbrachen ihren Schwatz, den sie immer um diese Zeit hielten und leuchteten mit ihren Pechfackeln in die Finsternis.

Wer seid ihr und was sucht ihr hier?“ schrie einer von ihnen nun nach unten. „Wir wurden angehalten, keine Fremden hereinzulassen.“

Aber wir sind nur arme Handwerksburschen, die ihr Auskommen suchen und der Zufall hat uns nach langer Wanderung hierhergeführt.“

Die Soldaten lachten:“Euer Auskommen werdet ihr hier ganz gewiß nicht finden. Unsere Bewohner haben selbst gerade für sich genug zu beißen und zu trinken. Eine schreckliche Dürre hat unsere Ernte vernichtet und unsere Flüsse ausgetrocknet und nur der Großzügigkeit unserer neuen Regierung ist es zu verdanken, das wir wenigstens das Nötigste verzehreh können. Schert euch also woanders hin.“

Lasst uns wenigstens eine Nacht hierbleiben dürfen, wirzahlen gut und zieheh weiter, sobald der Morgen anbricht.“ rief Hans im Glück nun, und plötzlich öffnete sich langsam das Stadttor und heraus rollte ein Pfannkuchen, so groß und rund, wie ihn die Märchenkinder noch nie gesehen hatten. „Potzdauz, was ist das?“ Johannes und die seinigen staunten. „So ein Geselle wie Du kommt gerade recht. Du bist ja so dick und rund, an Dir kann sich eine ganze Stadt gütlichtun.“

Das ist mein Beruf“ lächelte der Pfannkuchen und wenn ihr stets ein Viertel von mir übrig lasst, wachse ich bald wieder zur vollen Grösse heran und bin schnell wieder rund und saftig dick wie zuvor.“ „So kann man seinen Hunger auf ewig bei dir stillen?“ wunderten sich Hans im Glück und der Große, denen der Magen schon seit Stunden zwickte.

Die Frommenund Edlen wollten gerade einer nach dem anderen einen herzhaften Biß hineintun in den verlockenden Pfannkuchen, als sie im Schein der Fackeln einen Schatten durch das Stadttor auf sich zukommen sahen.

Der Schatten rückte schnell immer näher und schließlich stand er vor ihnen, ein wohlbeleibter Glatzkopf, der sich ihnen als Stadtältester vorstellte und der wohl mit vielen Vollmachten ausgestattet, über einige Dinge in dieser Stadt das Sagen hatte.

Mit wem habe ich das Vergnügen und was kann ich für euch tun?“ fragte der Dicke nun in hohem Ton und wandte sich an Johannes.

Guten Abend, Herr“antwortete Johannes. „Wir sind arme Handwerksgesellen und der Zufall hat uns hierherverschlagen. Wir suchen eine Anstellung, aber die Soldaten wollen uns keinen Einlass gewähren, und so müssen wir wohl zusehen, wo wir heute nacht unser Quartier aufschlagen können. Wir sind sehr hungrig, hätten gern vom dicken Pfannkuchen gekostet. Wir zahlen einen hohen Preis, denn unsere Mägen knurren seit Stunden wütend und verlangen nach Essen.

Ich werde zusehen, daß ihr euer Lager bei uns aufschlagen dürft,“sagte der Feiste nun und gab dem Pfannkuchen ein Zeichen. Dieser stellte sich nun hinter seinen Herrn und schien nah und doch unerreichbar weit für die Hungrigen.

„Folgt mir und dann sehen wir weiter“. Der Feiste und sein Pfannkuchen drehten sich um und dann erkannten die Helden das erste grausame Wunder , das die Natur aus einer üblen Laune heraus geschaffen hatte;denn der Hinterkopf des Dicken war das genaue Abbild seines Gesichtes, mit genauso kleinen Augen, einer runzeligen Stirn, eines uralten Greises gleich, und einem riesigen,offenenen Schlund, der einer dunklen Grotte glich und aus dem unentwegt der Speichel tropfte, übelriechend wie verdorbener Ziegenkäse.

Der Pfannkuchen und der Dicke mit den zwei Gesichtern liefen voraus und die edlen und tapferen Märchenhelden hatten Mühe, zu folgen und so marschierte die Gesellschaft im nächtlichen Schein der städtischen Fackeln leise und neugierig über den Marktplatz. Kurz dahinter, neben der alteingesessenen Goldschmiede wies ihnen der Dicke ihre Bleibe zu, eine alte, windschiefe Scheune.

Fortsetzung folgt



in der das Heu fürs Vieh lagerte, doch die Tiere denen es zugedacht war,waren allesamt verdurstet,so sehr fehlte hier das kostbare Nass.

Die Märchenkinder ließen ihre müden Glieder in das getrocknete Gras sinken, nur das Wichtigste, nämlich ausreichend Speis und Trank fehlte und so fragte der Hänsel schließlich noch einmal nach:“Sagt, könnt ihr uns irgendwie zu einem vollen Magen verhelfen, wir sind hungrig schon den ganzen Tag und wir wären bereit, einen guten Preis zu zahlen.“ Die anderen stimmten nun in das Lied mit ein und so antwortete der Dicke:“Was wäret ihr denn bereit zu geben, für einige Bissen vom dicken Pfannkuchen?“

Die edlen Märchenkinder berieten sich, dann holte einer von ihnen eine Hand voll Münzen aus seiner Tasche, viel Geld für einfache Wandersleute, doch der Feiste schüttelte erbost seinen Kopf.

Euch ist klar, das wir jeden Preis verlangen können? Speis und Trank sind rar in diesen Zeiten.“ „Wieviel wollt ihr ?“ fragte nun Johannes. „Das Doppelte von dem, was ihr geboten habt und der Pfannkuchen ist für diese Nacht euer.“

Johannes seufzte und schließlich hieß er dem Hänsel, noch mal dasselbe draufzulegen ,dann endlich verabschiedete sich der Zweigesichtige und der Leckerbissen, der dicke runde Pfannkuchen ,war der hungrigen Gesellschaft zu Diensten.

Jeder Einzelne der Edlen und Tapferen aß, soviel er konnte, wußte man doch nicht, wann man seinen Hunger das nächste Mal würde stillen können und so wurde der Pfannkuchen immer weniger, dann aber, als nur noch ein Viertel von ihm übrig war, ließen sie von ihm ab, lehnten ihn an die Wand und beachteten ihn nicht mehr weiter.

Hunger und sogar der Durst waren verschwunden, denn der Pfannkuchen bot nicht nur genug Teig zum Sattwerden, auch sein Saft war eine einzige Wohltat für diejenigen, deren Gaumen schon klebten vor Durst.

Während nun die Märchenkinder sich niederlegten im Heu ,um zu schlafen und zu träumen, wuchs der Pfannkuchen wieder, und bald konnte man ihn sehen, wie er mit stolzgeschwollener Brust ,und wieder fett und rund wie zuvor, die Scheune verließ, um

zurückzukehren zu seinem wartenden Herrn.

Während aber die tapferen Helden in dieser Nacht besonders gut schliefen, spielte in den Sümpfen , denen die frommen Helden nachts zuvor glücklich entkommen waren, erneut das Schicksal eines seiner vielen unbekannten Spiele.

Soldaten der Märchenstadt waren ausgerückt in das gefährliche Moor, hatten sie doch die Botschaft erhalten, das Frau Holle dort versteckt sei, und gerade als die Edlen und Tapferen im tiefsten Traum lagen ,hatten die Mannen der Stadt ihr Ziel erreicht.

Kurz vor den Sümpfen stiegen sie von den Pferden und entzündeten Pechfackeln. „Lasst uns zu Fuß weitersuchen nach der Wetterfee,“befahl der Anführer,“ mit Pferden ist die Gegend nicht zu erkunden“, und so teilten sich die Soldaten die Wege auf und bald war die Suche zwischen den bedrohlich schmalen Wegen des schaurigen Moores von Erfolg gekrönt

Zwei von ihnen hatten einen Stein entdeckt, der aus dem Sumpf in die Höhe ragte, grösser als ein Haus und er war nur zu erreichen, wenn man den Weg über den Stamm eines uralten gefallenen Baumes nahm, dessen Anfang dicht neben dem schmalen Pfad lag, auf dem die beiden Soldaten sich befanden..

Mitten im Moor überragte der seltsame Stein die beiden Soldaten um vieleKopflängen und hinter dem Felsen konnten die beiden leises Gemurmel vernehmen,`s schienen ein Mann und eine Frau zu sein, die sich dort in tiefstes Gespräch verwickelt hatten. „Schnell, wir haben sie. Lauf und hol den Obersten,“ flüsterte der eine Soldat dem anderen ins Ohr“.“Und verhalt dich leise.“

Der Angesprochene tat, wie ihm geheißen, er kannte das Moor gut und bald rückte er lautlos mit Verstärkung wieder an und dann standen schließlich alle vor dem Baum,der als einziger Stütze war, um das hinderliche Moor zu überwinden und den Felsen zu erreichen.

Kommt hervor, ihr seid umstellt,“ rief nun der Oberste der Soldaten in die Nacht hinein, aber nichts geschah. Stattdessen ertönte im selben Augenblick ein entsetzliches Gebrüll hinter dem Stein hervor.

Die Soldaten gerieten in Aufruhr, einige wollten flüchten und stürzten kopfüber davon, kamen vom Weg ab und versanken schreiend im sumpfigen Morast, aber niemand kam ihnen zu Hilfe;ein Menschenleben zählte nichts unter den Soldaten. Die anderen Krieger harrten erschrocken aus vor dem Stein, und ertrugen das Gebrüll mit grossem Schaudern.

Lasst uns warten, bis die Bestie eingeschlafen ist,“flüsterte der Oberste . „Dann stürmen wir den Felsen, töten das Ungeheuer und machen die Personen dahinter endlich dingfest.“ So wartete man, aber die Laute des Tieres wollten nicht enden, erst im Morgengrauen, -die ersten Sonnenstrahlen kämpften sich bereits durch die Dämmerung, verstummte es und der Oberste gab Befehl zum Angriff. Eh man sich`s versah hatten die Krieger den Felsen erklommen und jemanden dingfest gemacht, aber vom Drachen oder gar von Frau Holle gab`s keine Spur zu entdecken.

Wo ist Frau Holle,“herrschte der Oberste den Verhafteten, einen schmalen Mann mit grossen Ohren und langer Nase, nun an. Der Schmale lachte:“Frau Holle“,fragte er übermütig,“glaubt ihr vielleicht, die gute Dame hat nichts Gescheiteres zu tun, als euch zu empfangenin dieser von Gott verdammten Abgeschiedenheit Sie ist fort, und ich werde euch nicht verraten, wohin sie geflüchtet ist.“

Und das Untier heute nacht? Sprecht endlich, was hat es mit dem Ungeheuer auf sich, das heute nacht so ein entsetzliches Gebrüll von sich gegeben hat? Ist es mit euch im Bunde, und wo hält es sich versteckt?“

Der Schmale mit der langen spitzen Nase wollte sich nun schütteln:“So sehr, wie heute nacht,“stieß er prustend hervor,“so sehr habe ich mich lange nicht amüsiert. Ihr Narren, ich habe schon ganz anderen Lumpen eingeheizt, was glaubt ihr, wer ich bin,?“ tönte er und gab schließlich eine Kostprobe von dem, was seine kräftige Stimme anzurichten vermochte;er brüllte – laut und unerträglich grausam stieß er Laute von sich, die klangen, als sei er der Teufel in Persona und die Soldaten fuhren wiederum erschüttert zusammen, ängstlich drückten sie sich aneinander , und ein Schauer durchfuhr ihre Leiber.

Das reicht,“schrie der Oberste, als er sich wieder gefangen hatte,“packt ihn. Wenn wir auch die Wetterfee nicht gefunden haben- ganz ohne Beute kehren wir nicht zurück, die Peitsche der neuen Machthaber wird ihn daheim sicher noch zum Sprechen bringen und ihn bereuen lassen, uns so zum Narren gehalten zu haben.“



In der geheimnisvollen Märchenstadt indes ruhten die Tapferen und Edlen friedlich im Heu bis zum späten Vormittag und sie hätten wohl gern noch länger im Reich der Träume geschlummert, aber die Sonne tat ihr Werk gründlich und so ward`s schon zu früher Morgenstunde selbst in den Häusern unerträglich heiß, und man kam so sehr ins Schwitzen, daß an eine längere Ruhezeit nicht mehr zu denken war und so kamen die Helden langsam zu sich, reckten und streckten sich.

Dicke Schweißperlen standen auf ihrem Anlitz als sie beschlossen, sich in der Stadt ein wenig umzusehen. Einer von ihnen, nämlich der Große, der einst ausgezogen war, das Fürchten zu lernen, tat dann schließlich neugierig einen Blick aus dem Fenster und stieß im selben Augenblick einen lauten Schrei aus:“Freunde,“ rief er laut in das Durcheinander des Morgens. „Seht euch das an.“

Aufgerüttelt sprang die Gesellschaftauf ,einer nach dem anderen eilte zum Fenster, zuvorderst Johannes und Hans im Glück.

Mein Gott, was ist das?“ Erschüttert hielt sich Johannes seine Hand vor die Brust und Hans im Glück schüttelte zugleich heftigst sein Haupt.

Die Edlen sahen von überall Menschen durch die Stadt ziehen mit riesigen Karren , , die bis obenhin gefüllt waren mit Gold, Bronze, Silber, Perlen und kostbaren Edelsteinen. Aber damit nicht genug, nein: `s schien, als sei die Natur dabei, ihr Anlitz neu zu gestalten, überall sah man Bäume, deren Stämme in Bronze gehalten und deren Zweige von einer unbekannten Macht in Silber getaucht waren und mit Edelsteinen gespickt.

Die Märchenkinder verließen die Scheune und mischten sich unter das Spektakel. Die Blumen im städtischen Garten zierte ein goldenes Blütenkleid überall hatten sich dicke diamantene Steine einen Weg gesucht. Sie wurden nun festgetreten von den neugierigen Helden, die auf den funkelnden Wegen den Garten durchkreuzten, um mit offenen Mündern das neue Gesicht der Natur zu betrachten.

Staunend über die grosse Pracht des Städtchens ließen die Freunde ihre Blicke schweifen, aber überall boten sich ihnen die gleichen Bilder.

Schmiede, die Gold und Silber über rotglühendem Feuer schmelzen ließen, verteilten die kochende, glänzende Suppe an die vielen Märchenstadtbewohner. Die Einwohner nun empfingen die Kostbarkeiten in kleinen tönernen Schüsselchen, und bald sah man jeden Einzelnen unter ihnen, wie er mit heisser Handdie grünen Sträucher und jede bunte Blume mit einem goldenen oder silbernen Glanz versah. Langsam und bedächtig verteilten sie die vornehme Gabe an die verdurstende Natur und einige von ihnen setzten dem Treiben dann die Krone auf;sie verzierten sogar die unschuldigsten Blüten mit den kostbarsten Perlen und Smaragden.

Die Edlen und Tapferen rieben sich die Augen, glaubten sie sich doch in einem schlechten Traum, aus dem sie jeden Augenblick erwachen durften.

So standen sie schon eine Weile neugierig da, als aus der Ferne drei Paukenschläge erklangen, so dunkel, wie dem Johannes und den Seinigen nie zuvor die Töne einer Pauke erklungen waren und sogleich sah man die Bewohner, wie sie an Ort und Stelle alles liegen und stehen ließen ,und wie sie sich auf dem Marktplatz versammelten, so schnell es ihnen möglich war.

Die Edlen und Tapferen schlossen sich verwundert der Menge an, und sie standen schließlich ganz hinten, neben einer Jungfrau,die durch ihr wunderhübsches Käppchen bestach, und sie beobachteten die weiteren Vorkommnisse um sich herum mit wachen Augen.

Nach einem Vierelstündchen schließlich erschien der dicke Zweigesichtige, der sie in der Nacht zuvor empfangen hatte, in Begleitung des fetten Pfannkuchens, um den Hals des Glatzkopfes aber hatte sich eine Schlange gelegt, ihr Körper von unscheinbarer Gestalt, aber den Kopf von menschlichem Anlitz, gleichsam eines listigen, alten Mannes, und weil nicht im Augenblick ihres Erscheinens Ruhe eingekehrt war, bäumte sich das Tier auf und streckte dem Volk seine lange Zunge entgegen, so weit, das der Vorderste unter den Versammelten damit fast hauchzart berührt ward.

Die Bewohner verstummten und der feiste Dicke, der sich mitsamt seines teuflischen Halsschmuckes direkt neben dem Pfannkuchen auf einen Schemel gestellt hatte, rief nun laut in die Menge:“Werte Untertanen,“ so schallte es nun durch die versammelten Reihen,“bevor wir unsere mittägliche Speisung beginnen, möchte ich aus eurer Mitte eine Handvoll Emporkömmlinge begrüssen, die sich heute zur nachtschlafenen Zeit bei uns eingefunden haben und die uns ihre Handwerkskünste zur Verfügung stellen wollen.“ Mit seinem rechten Zeigefinger deutete er auf Johannes und seine Freunde. „Tretet hervor! Gute Handwerker sind bei uns immer gefragt, denn wir haben den Ehrgeiz, die prächtigste Stadt des Märchenlandes zu werden und da haben solche Burschen, wie ihr es seid, gefehlt. Johannes und die Edlen schoben sich durch die Menge und schließlich standen sie ganz dicht vor dem Zweigesichtigen, der gleichsam eines erfreuten Vaters seine Arme ausbreitete und die Helden nochmals lautstark aufs freundlichste begrüsste.

Nun, Kameraden, eine Frage habe ich an euch:“Versteht ihr euch auf das Gestalten von Landschaften? Wir suchen Meister, die uns die prächtigste Oase des Landes schaffen, mit allen Schönheiten, die die Natur zu bieten vermag, versteht sich. Seid ihr bereit, euch auf eine solche Herausforderung einzulassen? Es winkt eine üppige Belohnung und der Aufstieg in die Gesellschaft der oberen Zehntausend.“

Johannes und Hans im Glück sahen einander verstohlen an, dann versprach Johannes dem Dicken und den Bewohnern der Märchenstadt, alles zu tun, was in seiner Macht stünde und Hans im Glück nickte dazu beflissen.

Gut, hier vor all den Menschen als Zeugen, ist es beschlossene Sache. Ihr schafft uns einen Garten, wie ihn die Welt nie zuvor gesehen hat und macht damit unsere Stadt berühmter als alle anderen.An Gold und Silber soll es euch nicht fehlen. Sollte euch allerdings euer Vorhaben mißlingen, behalte ich mir vor, Schritte gegen euch einzuleiten, die euch übel bekommen werden, sprich: Ihr werdet euer Leben lassen müssen! So, damit genug der Worte, lasst uns unsere tägliche Speisung beginnen, er wandte sich nun wieder dem Volke zu:“Habt ihr ordentlich Hunger und Durst mitgebracht?“ und das Volk rief wie aus einem Munde:“Ja, Meister!“

Dicht drängten sich die Menschen um den Feisten, der eifrig damit beschäftigt war, ein Stück um`s andere vom Pfannkuchen zu brechen – um seinen Hals trug er immer noch die unscheinbare Schlange mit dem seltsamen Kopf und jedesmal, wenn jemand dem Dicken zu nah auf den Pelz rückte, zischelte sie, streckte ihren Kopf hervor, riß das faltige Maul weit auf und ließ ihre lange Zunge heraushängen.

Der feiste Zweigesichtige hatte gerade den saftigen Pfannkuchen bis auf ein Viertel in kleine Stücke geteilt, um das hungrige und durstige Volk zu besänftigen, als das Wiehern von Pferden und noch lauteres Geschrei von ausserhalb der Stadt die frühmittägliche Versammlung störte.

Die Soldaten, die heute nacht ausgeritten waren, Frau Holle zu suchen, waren zurück, und mit ihnen ihr Gefangener aus der Moorlandschaft, der an einem langen Strick hinter dem letzten der Krieger hergezogen wurde;er hatte die Strecke auf Schusters Rappen zurücklegen müssen.

Rasch waren die Stadttore geöffnet und gemächlich trabte die Meite, von Triumpf beseelt, durch die Menge, bis sie schließlich vor dem Dicken standen.

Mit einem Ruck ward der Gefangene plötzlichin den Schmutz geschleudert, direkt vor die Füsse der Neuankömmlinge, alle Augen lagen nun auf dem schmalen Kerl. Als er sich aufrichten wollte und seinen Kopf hob, blickte er in ein blaues Augenpaar, das niemandem anderes gehörte als Johannes.

Johannes und die Seinigen erschraken zutiefst war`s doch niemand anders als ihr treuer Freund, der tapfere Schneider, den sie auf tragische Weise verloren geglaubt hatten, der dort am Boden lag, aber als wär`s ein Wink des Schicksals: Niemand unter den Edlen und Tapferen verriet sich und alle schwiegen sich gründlich aus, ob ihrer Bekanntschaft mit dem mageren Gesellen, und auch der Schneider verzog keine Miene.

Dieser Mann hier,“der Oberste der Soldaten zeigte auf den Schneider,“hat es gewagt, uns letzte Nacht zum Narren zu halten und Frau Holle zur Flucht zu verhelfen. Ich bin überzeugt, er kennt ihr Versteck genau und so brachten wir ihn hierher, in der Hoffnung, daß unsere Peitschen ihm so munden werden, daß er zur Aussage bereit sein wird.“

Der Feiste, dessen Augen bei diesen Worten groß wurden, lächelte ein grausiges Lächeln.“Bringt ihn in das Verließ, dort wird er schmachten und dursten, bis ihm das Fell ledrig wird. Sollte er aber aussagen wollen, wird es ihm möglich sein, einer von uns zu werden, mit allen Rechten und Pflichten versteht sich.

Nach diesen Worten wurde der staubige Angeklagte am Kragen gepackt und fortgebracht in das geheimnisvolle Verließ, das schon so einige Gefangene beherbergt hatte und aus dem noch nie irgendwer lebend entlassen wurde. Niemand wusste genau,wo es sich befand, denndas Geheimnis war gut gehütet bei den neuen Herren..

Nun wieder zu euch, liebe Neuankömmlinge.“ Der Dicke räusperte sich:“Wie ich schon erwähnte, stellen die neuen Herren dieser Stadt sich eine Natur vor, wie sie einmalig ist, auf der ganzen Welt. Sicher hattet ihr schon Gelegenheit zu sehen, daß unsere treuesten Einwohner schon damit angefangen haben, mit viel Fleiß und Ausdauer, unsere Vorstellungen Wahrheit werden zu lassen. Ich darf dabei ausdrücklich auf den städtischen Garten hinweisen, den ihr ja wohl in aller Seelenruhe schon bestaunen durftet.

Ich setze grosses Vertrauen in euch und eure Handwerkskünste und stelle euch bei dem Vorhaben, die schönste Stadt auf Erden zu schaffen, alles Gold und andere Edle sowie unsere hier versammelten Märchenbewohner zur Verfügung.

Leider, so muss ich sagen, hat uns Frau Holle, eine abtrünnige Verräterin des Landes, mit so unentwegter Hitze gestraft, daß die Bedingungen eines so grossen Vorhabens nicht gerade günstig sind, und so will ich allen hier Versammelten zurufen:“Tut euer Werk, so gut man ein Werk tun kann, es soll euer Schaden nicht sein. Ab morgen gilt eine neue Abmachung:“Wer bis zum Abend fleißig geschafft hat, wird von unserer Regierung mit reichlich Golddukaten belohnt! Wer aber faul war, darf abends weniger Münzen sein eigen nennen. Ich hoffe, ihr werdet alle fleißige Diener unserer Märchenlandgesellen. Und das sage ich nicht nur zum Wohle unserer zugewanderten Meister – der Feiste streckte seinen Finger aus und wies auf Johannes und Hans im Glück – nein, ich sage es auch zum Wohle der neuen Regierung und zu guter letzt auch zu eurem eigenen Wohl;denn ich muß euch leider auch ein nicht so erfreuliches Geständnis machen: Unser Freund hier,“ der Dicke deutete auf den Pfannkuchen,“hat unseren Herren damit gedroht, nicht mehr wie üblich, jedesmal nach dem Genuss seines saftigen Leibes, wieder groß und stark zu werden. Er stellt jetzt Bedingungen, die wir zwar dreist und unerhört finden, denen wir uns aber letztendlich nicht entziehen können:Unser Leckerbissen verlangt, am Reichtum dieser Stadt teilzuhaben, und das im erheblichen Umfang. Ansonsten wolle er klein und unscheinbar bleiben

Nun frage ich euch, liebe Mitbewohner dieser schönen Stadt: Sollen wir diese Bedingungen erfüllen und ihm geben, was er verlangt, oder sollen wir ihm trotzen und versuchen, nach anderen Möglichkeiten Ausschau zu halten? Die Flüsse sind trocken und die Ernten verdörrt und so wird es wenig Sinn haben, verzweifelt nach etwas zu suchen, daß es wohl nicht mehr gibt.

Unsere Regierung selbst braucht Gold und Edelstein , allein, um die schönste Stadt zu werden und Besucher anzulocken, die uns wohl spätestens dann sehr wohlgesonnen sein werden, wenn sie erst einmal sehen, wie prächtig es bei uns durch unseren Fleiß geworden ist.“

Deshalb wird wohl die Entscheidung voneuch getroffen werden müssen, nämlich ob ihr gewillt wäret, dem Pfannkuchen abzugeben von euren Tagelöhnen. Irgendwie wollen wir schließlich dasBegehren dieser Stadt nach Nahrung stillen und ich denke, es ist das Einzige, was bleibt. Wieviel ihr für eure Beköstigung geben wollt, bleibt nach Aussage dieses Erpressers euch überlassen,er will`s euch genau mit dem Anteil an seinem Laib danken, den er für eure Gaben für angemessen hält.

Unruhe kam auf bei den Versammelten,ob dieser Worte desZweigesichtigen, aber der Halsschmuck des Feisten, die Schlange, verstand es ingewohnter Weise, alle aufgebrachten Einwohner dieses Städtchens sofort wieder zu beruhigen, bäumte sie sich jetzt doch so stark auf, daß die Vorersten ängstlich einige Schritte zurückwichen und all diejenigen, die sie noch nicht gesehen hatten, überzeugte sie durch ihre riesige Zunge, die sie jetzt soweit ausstreckte, daß sie vorbei am ganzen Volk sogar den letzten unter ihnen streicheln konnte.

Als sich schließlich die verstummte Menge wieder zerstreut hatte, um ihr Tagewerk fortzusetzen , wandte sich der Dicke noch einmal an Johannes und seine Getreuen.“Liebe Handwerker, ich würde euch gern ein bequemeres Quartier zuweisen ,als das, was ihr heute nacht genossen habt. Wäret ihr damit einverstanden, euch ab jetzt meine Palastgäste zu nennen und in unsren gemütlichen Räumlichkeiten zu ruhen und zu planen, solange es euch beliebt? Selbstverständlich steht euch unser Pfannkuchen umsonst zur Verfügung;denn für solch eine verantwortungsvolle Aufgabe, wie ihr sie übernommen habt, steht unsere Regierung in eurer Schuld und wird die Rechnung für euch begleichen.“

Die Helden aber zögerten einen Augenblick und es bedarf einiger Überredungskunst, ehe sie schließlich „Ja“ sagten zum Angebot des Dicken.

Das nenne ich ein Wort“, antwortete der Feiste,“ich hoffe, ihr werdet recht lange unsere Gastfreundschaft genießen. Nun dann!“

In diesem Moment berührte der Daumen des Zweigesichtigen einen aus Stein gehauenen Krieger, der bislang der Stadt zum Denkmal diente, an eine Zeit, in der einst ein starker Haudegen einen gewaltigen Riesen bezwungen hatte.

Das Denkmal wurde unruhig unter der Berührung des Feisten, stieg vom Sockel und ließ seine kalkweißen Muskeln spielen.

Bitte, habe die Liebenswürdigkeit, unsere Gäste zu einer unserer Palaststuben zu begleiten,“befahl der Zweigesichtige und der starke Mann, dem es im Leben an sonst nichts fehlte, nur an ausreichend Verstand und gänzlich an der Sprache, gab Johannes und seinen Freunden ein Zeichen und so fanden sie sich bald in einem prachtvollen Quartier wieder.

Die Sonne hatte den Zenit schon überschritten und ihre tägliche Hitze gerecht verteilt über die ganze Stadt und darum blieben auch die vornehmen Gemäuer des Palastes nicht verschont. Schwitzend und durstig saßen die Freunde imKreis auf dem kostbaren Boden aus Marmor und sie bliesen Trübsal, wussten sie doch nicht, wie ihre gewaltige Aufgabe zu bewältigen sein sollte.

Guter Rat ist nun teuer,“so wollte Johannes hilflos das Schweigen brechen, aber niemandem war ein Wort zu entlocken, bis plötzlich lautes Rappeln an den geschlossenen Fensterläden die unheimliche Ruhe störte.

Was war das?“fragte Johannes. Voll Sorge öffnete der Jüngling einen Flügel des Fensters und ließ seinen Blick wandern in der nahen Umgebung des Palastes.Wollte jemand unbemerkt in ihr Quartier eindringen und ihnen Leid antun?

Hier,“hörte er eine schwache Stimme dicht unter dem Fenster und Johannes entdeckte dort schließlich die Jungfrau mit dem roten samenten Käppchen, die ihm schon auf dem Marktplatz ins Auge gestochen war. Johannes beschloß, ihr zu vertrauen und reichte seinen Arm zum Fenster hinaus. Die Jungfrau griff zu und eh man sich`s versah, hatte sie sich emporgeschwungen und stand nun, klein und zierlich vor den Edlen und Tapferen.

Gott zum Gruß,Johannes und Hans imGlück. Und seid auch ihr gegrüsst, Edle und Tapfere Helden des Märchenlandes,“so sprach sie nun freundlich die verdutzten Freunde an. „Ich bin Rotkäppchen und eine nahe Bekannte von Frau Holle,“sagte sie. „Ich will euch hilfreich zur Seite stehen bei eurem Vorhaben, die prächtigste Landschaft des Reiches zu schaffen.“

Wie willst Du uns behilflich sein?“fragte Hans imGlück,“Wir wissen doch selbst nicht, wie wir unsin der nächsten Zeit anstellen sollen.“

Das Rotkäppchen jedoch antwortete:“Darüber lasst uns einen Plan machen. Ich glaube ganz sicher an das Gelingen eurer Aufgabe und die erste Tat wird es sein, die Einwohner dieser Stadt allesamt auf eure Seite zu bringen.“

Das Rotkäppchen ließ sich nun zu den frommen Freunden nieder auf dem kostbaren Marmor und dann saßen sie bis die Dunkelheit längst angebrochen war. Man redete und plante, bis die Jungfrau schließlich die erhitzte Runde beendete mit den Worten:“Laßt`s genug sein für heute! Ich muss gehen. Ich will euch aber noch einen Trost mit in die Nacht geben, nämlich:Niemand von Euch wird sein Leben lassen, dasmöchte ich noch einmal ausdrücken, zur Erinnerung und zur Ermahnung, tapfer euren Weg zu gehen.“

Aber wahrscheinlich müssen wir bereits einen von uns verloren geben,“antwortete nun der Hänsel. „Unser Freund, der tapfere Schneider ist festgenommen und wir wissen nichts über sein Schicksal als Gefangener der neuen Herren. Muss unser Freund alseinziger sterben für die gute Sache?“

Das Rotkäppchen seufzte und kramte schließlich in ihrer Schürze und es kam dieselbe verkratzte, durchsichtige Kugel hervor, die allein Johannes schon einmal gesehen hatte.

Die Jungfrau rieb die Kugel und sofort erschien darin eine Kammer. Kahl war sie und es schien da noch heißer zu sein, als sich die Freunde ausdenken konnten, denn überall dort loderten kleine Feuerchen. Mittendrin aber saß der Schneider. Zitternd und frierend war er nur mit einer Gänsehaut bekleidet, die viel zu groß war für seine kleine Gestalt und unter die gut und gerne noch drei grosse Mannen hätten Platz finden können. Immer wieder legte der Schneider Holz nach um die Feuer anzufachen,dann sah man ihn, wie er sich mitseinem Hinterteil mittenrein setzte in die grausigste Glut, aber nichts half, es war ihm kalt und er klapperte mit den Zähnen.

Der Schneider!-sag Rotkäppchen, wo finden wir ihn. Wir wollen ihn befreien und an einem sicheren Ort verstecken.“ Johannes war blaß, als er diese Worte an die neue Freundin richtete, aber das Rotkäppchen erwiderte nur:“Seid unbesorgt. Der Schneider ist in wichtiger Mission dort in seinem Verließ,“ „``s läuft alles ohne Hürden, genau wie`s geplant war in der Abgeschiedenheit der Sümpfe.

Es bedarf Eurer Hilfe jetzt nicht – wie`s später sein sollte, wird sich ergeben. Verliert kein Wort darüber, was ihr hier gesehen habt, sonst wird euer Auftrag , das Märchenland zu retten, in Gefahr sein.“

Die rote Jungfrau packte nach diesen Worten ihre Kugel wieder in die Schürze, verabschiedete sich nun flugs von den Edlen und Tapferen und einen Augenblick später waren sie alleingelassen, durstiger und hungriger als je zuvor.



Die Köpfe der Freunde brummten wie ein Bienennest und getrieben von ihren gerade geschmiedeten Plänen verließen sie ihr Quartier, heimlich und lautlos.

Das Schloß aber war wie ausgestorben, niemand war da, dem sie hätten begegnen können, denn die Oberen waren an diesem Abend zusammengekommen, sich zu beraten, wie sie ihren Einfluss auf das Volk sichern konnten und wie sie ihre erbitterte Feindin,die Frau Holle endlich unschädlich machen konnten, war ihnen doch zu Ohren gekommen, daß die alte Wetterfee plante, ihre Macht zurückzugewinnen.

Das aber wussten die Freunde nicht und so schlichen sie auf Zehenspitzen durchs Schloss, allein die Mäuse und Ratten sorgten in den Gängen für Unruhe, sie waren hungrig und huschten rastlos im flackernden Licht der Kerzen über die Flure.

So irrten die Helden eine halbe Stunde durch den Palast, bis sie an eine Tür im Keller des Gebäudes angelangt waren. Sie war verschlossen und sonst immer streng bewacht von Soldaten. Heute aber war sie verwaist, denn die Wächter waren zu anderen Diensten gerufen worden.

Wir sind angekommen“ flüsterte nun Johannes und er zückte den alten rostigen Schlüssel, der ihm schon die Pforte des Märchenlandes aufgetan hatte – und es war, wie ihm der schwarze Rabe an den Toren des Landes prophezeit hatte:Es ließen sich damit Türen öffnen, zu denen sonst noch nie ein Lebendiger Zugang gefunden hatte...



Zur gleichen Zeit schlich das Rotkäppchen erschöpft durch die Dunkelheit, doch kurz bevor sie ihr Heim erreicht hatte, wurde sie aus ihrer Müdigkeit geweckt durch laute Männerstimmen.

Rotkäppchen spitzte die Ohren – dann hatte sie den Ursprung des fernen Lärmes ausgemacht.

Er kam aus der verlassenen Schänke, die seit langer Zeit niemand mehr betreten hatte. Es hießnämlich, ein Fluch läge auf dem Wein, der dort ausgeschenkt wurde,denn jedermann, der seit der Herrschaft der neuen Regierung davon gekostet hatte, war augenblicklich der Trunksucht verfallenund hatte dem Teufel seine Seele verschrieben für ein paar Gläser vom roten Rebensaft.

Die zarte Jungfrau trat vorsichtig an das Fenster der Schänke, das einen Fingerbreit aufstand, so daß sie alles mithören konnte.

Seid unbesorgt,“ hörte sie den Zweigesichtigen sprechen,“das Volk wird bald verstehen , daß die neuen Gesellen uns zum Handlanger dienen, auch wenn das nicht in ihrer Absicht liegt. Und das ihr Wille nicht böse ist, werden unsere Einwohner sowieso niemals zu erkennen vermögen. Dafür verbürge ich mich.“

Der Dicke lachte nun grausam auf und alle anderen dort Versammelten stimmten mit ein und gemeinsam verhöhnten und verspotteten sie nun die Einwohner der Märchenstadt.

Sprich,Dicker, Du hast einen Gefangenen gemacht. Was hat es auf sich mit ihm?“fragte nun ein Unbekannter mit langen, pechschwarzen Haaren. Die Haare verbargen sein Gesicht bis zu den Mundwinkeln, so daß niemand ihm jemals ins Anlitz geschaut hatte.

Der Dicke antwortete nun heiser und mit kurzem Atem:“Der Gefangene gehört zu den neuen Gesellen. Das weiß ich aus sicherer Quelle.“ Der Zweigesichtige streichelte nun seinen Halsschmuck, die Schlange mit dem alten Männerkopf. „Er hat Frau Holle in den Sümpfen mit einem Trick zur Flucht verholfen. Wir lassen ihn nun schmoren in unserer speziellen Kammer, bis er reden wird. Wenn er uns dann das Versteck der alten Wetterfee verraten hat, machen wir ihn zu einem der unsrigen. Ich bin gewiß, daß das ihm somunden wird, daß er uns gerne behilflich sein wird, seine Freunde an den Galgen zu bringen.“

Das Gelächter, das diesen Worten folgte, wollte so gar kein Ende nehmen und es nahm das Rotkäppchen geschwind den kürzesten Weg nach Hause und als sie endlich angekommen war, holte sie eine Flöte hervor, setzte sich ans Fenster und blies darauf eine liebliche Melodie, die von der lauen Luft durch die ganze Stadt getragen wurde und bald war das Lied angekommen an seinem Ziel, einem Kloster, weit, weit entfernt von der Märchenstadt. Es lebten dort alteFrauen, die ein Gelübde getan hatten vor Gott, jedem zu helfen, der in Not geraten war und ansonsten zu arbeiten und zu beten, soviel es jede einzelne unter ihnen vermochte.

Schließlich aber legte sich das Rotkäppchen nieder und war bald fest eingeschlummert auf ihrem kargen Strohlager.



Zur nachtschlafenen Stunde aber, das Rotkäppchen war gerade eingeschlafen, waren Johannes und die Seinigen in der dunklen Kellerkammer des Schlosses zuwege und was sie dort erblickten, ließ sie verwundert aufseufzen.

Mitten in der Kammer befand sich ein Berg aus Hirsebrei, der bis zur Decke langte, direkt daneben umrahmten viele kleine Schokoladenpfützen den Berg und durch den großen Raum rollten immerzu große, runde Laiber von süssem Brot, die riefen nach ihnen:“Versuch mich! Versuch mich!“

Auf den vielen Holzbrettern, die in den Ecken angebracht waren, ruhten knusprig gebratene Rebhühnchen und herzhafte Haxen von dicken Schweinen, ausserdem stattliche Kartoffeln aus Marzipan, die darauf zu warten schienen, endlich verspiesen zu werden.

Als Johannes an einem der riesigen Fässer aus lauter Lebkuchen Hand anlegte, floss güldener Wein und einer der Edlen und Tapferen langte rasch nach einem der kostbaren Gläser, um ihn zu kosten. Lieblich und süss befreite er die Helden von ihrem Durst und nachdem sie genug hatten, stellten sie das Glas beiseite und fingen eines der süssen Brote ein, um sich sattzuessen.

Als sie ihr Mahl endlich beendet hatten, hielt sich sogar der Hänsel den Bauch, soviel hatte er gegessen.

Um ein wenig auszuruhen suchte er die Räumlichkeiten ab nach einem geeigneten Sitz für sich und dabei stieß er auf ein Tischlein – auf kunstvoll gedrechselten Beinchen stand es in der dunkelsten Ecke des Kellers.

Hocherfreut stieß er einen Ruf aus:“Potzblitz, ich hab`s gefunden, ich hab`s gefunden!“ Die Freunde eilten rasch herbei – und sahen den Tisch stehen. Klein wie ein Schemel war das Tischlein, aber als Johannes es packen wollte, überraschte es den Jüngling, denn es war so schwer, daß es nur mit grösster Mühe und mit zwei starken Händen zu tragen war und dann hörte man Hans im Glück aus einer anderen Ecke, wie auch er einen glücklichen Ruf tat:“Das Krüglein,hier steht das Krüglein!“ Fröhlich brachte er einen steinernen Krug und die Helden waren erleichtert über den raschen Fund der Dinge, die den Freunden wohl harmlos schienen und trotzdem der Anlass ihres nächtlichen Besuches dort unten waren.

Nun lasst uns eiligst unser Quartier aufsuchen,“ sagte nun der Große. Man verließ den interessanten Keller rasch, aber so leise, wie man gekommen war und weil ihnen der Weg nicht mehr unbekannt war, hatten sie bald ihre Stube erreicht.

Weil die edlen Helden sich nun erst sehr spät zur Ruhe begeben hatten, hörten sie nicht den Diener, hörten sie nicht den Diener, der in aller Herrgottsfrühe an ihre Tür pochte.

Erst fünf geschlagene Stunden später,`s war fast Mittag, erwachten Johannes und seine Freunde. Ausgeschlafen und hungrig nahm Hans im Glück diekleineGlocke, die hinter ihren bequemen Nachtlagern auf einem schmalen Podest stand. Er läutete nach dem Diener und verlangte nach dem Pfannkuchen und nachdem sie von diesem ausreichend beköstigt waren und er ihr Quartier wieder verlassen hatte, erschien nochmals das Rotkäppchen.

Habt ihr`s gefunden?“, so begrüsste die rote Maid die frommen Freunde, aber ehe Johannes antworten konnte, hatte der Große, der einst ausgezogen war, das Fürchten zu lehren, schon dasschwere Tischlein und den steinernen Krug aus einem Versteck unter seiner weichen Daunendecke hervorgeholt.

Wie sollen die Dinge nun weiter laufen?“, fragte neugierig Hans im Glück.

Zunächst einmal, liebe Kameraden“; sagte nun das Rotkäppchen, müsst ihr noch einiges wissen über die Besonderheiten eurer gestrigen Beute. Johannes, rückein wenig näher, ich brauche deine Mitwirkung zum Beweis, das dieser Krug besonders ist.“ Johannes stand nun ganz dicht neben dem Rotkäppchen und die Magd drückte ihm das kunterbunte, steinerne Krüglein in die rechte Hand, nahm seinen linken Zeigefinger und hieß Johannes den Finger eintauchen in das Gefäß. Und siehe da:Der Krug, der gerade noch leicht und leer inJohannes Hand lag, füllte sich mit kühlstem klaren Wasser.

Ein freudiges Raunen beseelte nun den Raum, doch ehe sie etwas sagen konnten, ergriff das Rotkäppchen wiederum das Wort. „Nun, bitte schenkt eure Aufmerksamkeit dem Tischlein.

Es ist, wie ihr, liebe Freunde, sicher denken könnt, ebenso kein gewöhnlicher Tisch. Wer ihn besitzt, kann sich , so oft esihm beliebt, an seinenGaben erfreuen und sich sattessen mit dem Köstlichsten. Ob herzhaft oder süss, er lässt auf Geheiß die Gaumen erschaudern vor Freude und es ist dann stets so reichlich gedeckt, daß man satt wird und einen ganzen Tag keinen Hunger mehr leiden muss. Es ist einst einem armen Handwerksburschen zugehörig gewesen, doch die Oberen ließen den Tisch verschwinden, an dem Tag,an dem sie die Macht über das Wetter gewannen.Sie duldeten keinen Gegenspieler zu ihrem Pfannkuchen, wollten sie doch sicher sein, daß Hunger und Durst nur aus ihrer Hand gestillt werden können.

Dieses Tischlein deck Dich aber hat sich nun zur Bedingung gemacht, seine Mahlzeiten nur an Menschen zu verteilen, die rechten Glaubens sind und darum will es seine Wirkung nur tun, wenn es in die Kirche geschafft wird.

Das werden wir nicht ungesehen tun können,“antwortete Johannes,“lungern nicht Soldaten vor der Pforte des Gotteshauses?Man wird Fragen stellen und es könnte uns unangenehm bekommen, sollte einer von ihnen unser Geheimnis bemerken. Man wird uns anzeigen bei den Oberen und dann werden wir vorzeitig angewiesen sein auf die Gnade Gottes!“

Laßt das in Seelenruhe meine Sorge sein,“ so nahm der Große das Wort an sich. „Wo ein Geheimnis Platz gefunden hat, wird auch ein zweites so gut verborgen sein, daß niemand uns auf die Schliche kommt,“lächelte er. Ohne Umstand langte er nach dem Tisch und packte ihn kopfüber in den großen Sack, der bereits ein Geheimnis hütete und den er bis dato immer und überall mit sich getragen hatte.

Johannes war`s zufrieden und als es endlich Mittag war und die Pauke wieder schlug, wie jeden Tag um diese Zeit, verließ er, wie`s abgemacht war, seine Freunde und machte sich auf zum Marktplatz, die Bewohner der Stadt einzuladen zum Gebet am späten Abend.

Und so geschah es: Noch bevor der Feiste erschienen war, um seinen Pfannkuchen zu verteilen, hatte Johannes lautstark eine Ansprache gehalten und voller Inbrunst geworben für eine Versammlung in der Kirche.

Sehr wohl war Johannes vom Rotkäppchen gewahr gemacht worden, dass sich unter den Märchenstadtbewohnern ein Gerücht hielt, die Kirche sei entweiht und nun nicht mehr wert als sonst ein altes Haus und so bedurfte es einer Predigt mit Engelszunge, die einst so frommen Einwohner zu überzeugen. Schließlich aber hatten fast alle ihr Versprechen gegeben, am späten Abend im Gotteshaus zu erscheinen.

Kaum hatte Johannes die letzten Worte gesprochen, berührte ihn von hinten eine feste Hand und als er sich umdrehte, stand der Feiste vor ihm. Böse lächelte er, aus seinem zahnlosen Mund tropfte wie üblich stinkender Speichel, der schließlich auf seinen Rock fiel und dort festbuk. Graurot war der zähe Saft und glänzend wie eine Speckschwarte.

Nun, Meister, darf ich feststellen, dass Du schon einen Plan hast für euer Fortkommen bei der Arbeit an unserer Stadtlandschaft? Sicher willst Du Deine künftigen angestellten Gesellen anweisen, was zu tun sein wird, um die schönste Oase des Märchenreiches zu schaffen. Recht so,“lachte er und wies dem Pfannkuchen, der neben ihm gestanden hatte, seinen Platz zu. Dann ließ er Johannes stehen, gab sich wie jeden Mittag mildtätig und verteilte den Pfannkuchen bis auf ein Viertel an die schmachtenden Städter.

Schnell war auf dem Marktplatz das Gedränge ausgebrochen, wie jeden Mittag standen bald alle dicht am Dicken und alle streckten die Hand aus um einen Happen vom begehrten Pfannkuchen in Empfang zu nehmen.

Johannes aber eilte zurück in sein Quartier, begleitet nur von den argwöhnischen Augen zweier Soldaten. Die beiden präsentierten sich am Rande des Platzes. Stolz flanierten sie auf und ab und sie schwangen dabei ihre scharfen Schwerter.

Johannes aber tat, als wären sie unsichtbar und er würdigte sie nicht eines Blickes. Schnurstracks lief er auf den Palast zu und schließlich verschwand er hinter den dicken Gemäuern.

An diesem Tag gab es vor dem Abend keinerlei Besonderheiten,`s ging seinen gewohnten Gang. Die Einwohner zierten, wie zuvor, alles mit Gold und Silber, was ihnen zwischen die Finger kam, ob Bäume oder Sträucher oder die Kieselsteine auf den Wegen, sogar der Staub und die Erde zwischen den Häusern wurde nicht vergessen und so holten sie sich bis zum Abend wie üblich dicke Blasen an den Händen von der kochenden Hitze des flüssigen Goldes.

Dann aber,`s war Schlag sechs Uhr ,schlug, ausser der Zeit, die Pauke für die Einwohner. Die Märchenstadtbewohner eilten zum Marktplatz, denn heute hieß es, das erste Mal Lohn empfangen für ihr Tagwerk.

Schon bevor die ersten den Platz erreicht hatten, stand dort ein Abgesandter der neuen Herren – ein kleiner Mann,ausgestattet mit starken Armen und zwei Händen, die nicht gewöhnlich waren; hatten sie doch nicht nur fünf Finger, nein, jede seiner Hände war mit fünfzig Fingern ausgestattet und alle Finger waren gleichkräftig und gleichlang.

Als nun alle Bewohner versammelt waren, hob der Mann seine Arme und forderte laut nach absoluter Ruhe.

Arbeiter dieser schönen Stadt. Heute ist der große Tag, an dem die Gerechtigkeit Einzug halten will und jeder von Euch das bekommen soll an Lohn, was er sich im Laufe des Tages verdient hat. Damit Ihr bei Eurer Entlohnung nicht den Glauben an das Recht verlieren werdet, will ich Euch sagen, dass euer Treiben an den Arbeitsstätten mit Argusaugen beobachtet wurde von zwei Bediensteten der neuen Herren.Sie haben sich alles gut gemerkt und für jeden von Euch die verdienten Dukaten bereitgestellt.

So rufeich nun zunächst aus der Reihe der Fleißigen:Es treten bitte hervor das Aschenbrödel und die kluge Else.“

Als die beiden nun vor dem Hundertfingrigen standen, war er voll des Lobes für die zwei und er sagte:“Nun, Aschenbrödel und Else, Ihr habt euch laut unserer Beobachter hervorgetan bei dem Bestreben, alles nach dem Gutdünken unserer neuen Herren zu gestalten. Das ist unseren Oberen zehn Dukaten wert. Für jede von Euch, versteht sich.“ Der Hundertfingrige lächelte und reichte Aschenbrödel seine linke und der klugen Else seine rechte Hand und damit wechselten sie ersten Dukaten ihren Besitzer.

Aber nicht nur das Aschenbrödel und die kluge Else hatten sich an diesem Tag zehn Dukaten verdient, mit ihnen konnten sich noch ein Dutzend anderer Bewohner freuen, ihnen winkte ebenfalls das Glück und so sahen insgesamt 14 Bewohner der nächsten mittäglichen Speisung erwartungsvoll entgegen: ausufernd würde das Mahl werden, so glaubten sie und glücklich verließen sie den Marktplatz, aber einzig das Aschenbrödel hielt`s dabei noch mit Johannes, mit großen Schritten lief sie auf das Gotteshaus zu, in der Schürze klapperten die Dukaten und die Hände hielt sie andächtig gefaltet.

Die anderen 13 aber fanden keinen Anlass , an diesem Abend die Kirche zu besuchen, stattdessen lungerten sie bald herum , in der Nähe des Palastes fühlten sie sich jetzt angemessen platziert, dort wollten sie warten auf das, was der nächste Tag ihnen bringen würde.

Alsaber der Mann mit den Dukaten die fleißigsten unter den Bewohnern entlohnt hatte, kam die Reihe an die Sorte der weniger fleißigen und es gab bald den ersten Unmut unter ihnen. Alle hatten redlich gearbeitet und getan und trotzdem: Der Lohn wurde von Einwohner zu Einwohner weniger und schließlich hatte der Hundertfingrige den Faulsten unter ihnen erkoren.Es war der kleine Däumeling, ein junger Bursche, nicht größer als ein Daumen und schlank wie ein Schwefelholz. Einen Dukaten hatte man ihm geboten, aber weil Däumeling nicht groß war und nur wenig Platz in seinem Magen hatte, war`s ihm genug. „Es wird reichen, um bis zum Hals satt zu werden;“dachte er bei sich, nahm gleichmütig den Dukaten und verschwand schließlich mit den anderen weniger fleißigen in der alten Kirche.







Fortsetzung folgt